Vierte Runde der Tarifverhandlungen

Heute findet ab 14 Uhr in München die vierte Runde der Tarifverhandlungen für die westdeutsche Textil- und Modeindustrie statt. Die Arbeitgeber rufen die IG Metall zur Vernunft auf: Warnstreiks angesichts der Krisenlage unverantwortlich.

Verhandlungsführer Markus Simon
Foto: Verhandlungsführer Markus Simon
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München: Die Umsätze und Geschäftserwartungen der mittelständischen Unternehmen der Textil- und Modeindustrie rauschen weiter in den Keller. Der lange Winterlockdown wirkt sich immer mehr auf die Industrie aus mit Folgen bis weit ins nächste Jahr. Die Arbeitgeber der westdeutschen Textil- und Modeindustrie erwarten deshalb schwierige Gespräche in der vierten Runde der Tarifverhandlungen für rund 100.000 Beschäftigte.

Verhandlungsführer Markus Simon: „Der bald ein Vierteljahr dauernde harte Winterlockdown ohne eine wirkliche Öffnungs-Perspektive, dazu die Sorge über weltweit hohe Infektionszahlen durch neue Corona-Mutationen verschlechtern die Lage und trüben die Aussichten auf wirtschaftliche Erholung immer stärker ein. Wir können deshalb nur an die IG Metall appellieren, die wirtschaftlichen Realitäten anzuerkennen und mit uns über einen Abschluss mit Vernunft, Augenmaß und Zukunftsperspektiven zu verhandeln.“

In einer aktuellen Konjunkturumfrage des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie geben die Unternehmen an, noch sehr lange an den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu leiden. Bei Umsätzen, Aufträgen und Exporten weisen alle Werte nach unten. Die größten Existenzsorgen haben die mittelständischen Bekleidungshersteller und Modemarken, viele von ihnen Traditions- und Familienunternehmen. Der Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren brach im Dezember real um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ein. Auch die Hersteller technischer Textilien haben große Zukunftssorgen. Markus Simon: „Wer angesichts der schlimmsten Krise in unserer Branche seit 70 Jahren immer noch an seiner Ausgangsforderung von vier Prozent mehr für dieses Jahr festhält und zu Warnstreiks aufruft, handelt unverantwortlich. Wir alle brauchen jetzt Sicherheit in unsicherer Zeit, um den Weg gemeinsam aus der Krise zu schaffen.“

Die Arbeitgeber hatten für dieses Krisenjahr zunächst eine Einmalzahlung vorgeschlagen, um für das Jahr 2022 Spielraum für zwei Tariferhöhungen zu haben. Außerdem boten die Arbeitgeber Verbesserungen bei der Altersteilzeit sowie bei arbeitgeberseitig finanzierten Weiterbildungsangeboten an.


Drei Fragen, drei Antworten mit Markus Simon, Verhandlungsführer der Arbeitgeber und Geschäftsführer VERSEIDAG-INDUTEX GmbH


1. Welche Chancen geben Sie der heutigen Verhandlungsrunde. Werden Sie sich einigen?
Das liegt nicht an uns. Wir haben der IG Metall vor gut zwei Wochen ein Angebot gemacht, dass trotz der schweren Krise eine Einmalzahlung in diesem Jahr und prozentuale Erhöhungen im nächsten Jahr vorgesehen hätte – plus mehr Altersteilzeit und mehr für Weiterbildung. Das hat die IG Metall abgelehnt und ist für ihre Forderung nach 4 Prozent mehr und zwar in diesem Jahr in Warnstreiks gezogen. Das finde ich angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Lage in unseren Unternehmen eine echte Provokation. In der Krise muss man zusammenhalten, jeder muss seinen Beitrag leisten. Wir Arbeitgeber haben erst im September vergangenen Jahres, mitten in der Krise, eine Tariferhöhung von 2,3 Prozent gezahlt, die vielen von uns sehr schwergefallen ist. Das darf nicht vergessen werden.

2. Die IG Metall wirft den Arbeitgebern vor, die Lage schlechter zu reden als sie ist?
Wir stützen uns auf die offiziellen Zahlen des statistischen Bundesamtes und schildern damit die Lage so wie sie ist. Und wenn Sie dann sehen, dass wir bei den technischen Textilien schon im vierten Jahr im Minus sind und die Bekleidungshersteller Umsatzrückgänge bis zu 45 Prozent durch die Folgen der Corona-Pandemie haben, können Sie nicht die Augen vor der Realität verschließen. Seit Mitte Dezember haben die Läden zu, Mitte März kauft keiner mehr Winterstiefel oder einen Wintermantel. Seit über einem Jahr fehlen nun schon die Anlässe Bekleidung zu kaufen. Der Handel ordert deshalb auch kaum neue Ware, die Lager sind voll, die Auftragsbücher sind bis weit ins nächste Jahr leer und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nicht viel ändern.

3. Wie wollen sie einen Weg aus der verfahrenen Lage finden?
Ich kann nur an die Gewerkschaftsvertreter appellieren, sich ihrer Verantwortung in dieser schwersten Krise unserer Branche seit 70 Jahren bewusst zu werden. Es hilft ja nichts, auch wir würden gerne eine bessere Ausgangslage präsentieren. Aber es wird von Woche zu Woche schlimmer. Die Verlängerung des Lockdowns, die schleppenden Impfungen und die Virus-Mutationen drücken die Stimmung. Der Ifo-Geschäftsklima-Index für unsere Branche hat sich nochmal verschlechtert und eine Konjunkturumfrage unter unseren Unternehmen zeigt: Vor Mitte nächsten Jahres rechnet kaum jemand mit einer Besserung. Vor diesem Hintergrund ist niemanden geholfen, die Tarifrunde immer weiter in die Länge zu ziehen und noch mehr Unsicherheit in diesen unsicheren Zeiten zu erzeugen. Ich werde deshalb zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen mit aller Kraft für einen Abschluss werben, der uns gemeinsam einen Weg aus der Krise weist.