Es droht der industrielle Totalausfall

Im Fadenkreuz: Die C6-Technologie und andere Alternativstoffe in der Fluorchemie

Der seit Ende 2014 laufende Prozess um das ECHA-PFOA-Restriktionsdossier für die sogenannte C8-Chemie ist noch nicht abgeschlossen, schon kommen die als Alternative postulierte C6-Chemie sowie weitere Alternativstoffe in der Fluorchemie unter massiven Druck deutscher Umwelt- und Arbeitsschutz- Behörden.

So hat das Umweltbundesamt (UBA), das in bei der PFC-Thematik federführend ist, durch die PACT-Listung der beiden maßgeblichen C6-Monomerrohstoffe für die Anwendung im Bereich der fluorierten Polymere u. a. für die Textil-, Papier- und Lederbereich bei der ECHA bereits vorab die C6- Telomerchemie ins Visier genommen. Gleiches gilt auch bezüglich der CORAP-Listung von Alternativemulgatoren für Fluorpolymere, wie PTFE.

Die BAuA arbeitet derzeit an der Erstellung einer Risikomanagementoptionsanalyse (RMOA) für den Stoff Perfluorohexansäure, deren Salze und Vorläufersubstanzen, da diese persistenten Stoffe laut BAuA Grund- und Oberflächenwasser verunreinigen und über weite Distanzen transportiert werden. Außerdem sollen sich die Verbindungen in Pflanzen anreichern und stehen unter Verdacht, toxisch zu sein.

Ein öffentliches Konsultationsverfahren, bei dem auch Südwesttextil, VTB und Euratex von der BAuA angeschrieben wurden und sich die Textiler mit ihren Chemie-Experten beteiligten, lief bis Anfang Mai. Am 14. Juni findet nun hierzu eine Anhörung bei der BAuA in Dortmund statt.

Der ganze Themenkomplex ist höchst schwierig und nicht nur für den „chemischen Laien“ kaum zu durchdringen. In Unkenntnis der vielfältigsten Verwendungen der daraus hergestellten Materialien und Produkte, erschließt sich daher für die meisten die wirtschaftliche Brisanz nicht.

Über die textilen und artverwandten Anwendungen hinaus, werden u. a. andere C6-telomerbasierende Produkte auch in einer Vielzahl von Applikationen und Prozessen z. B. in der Galvanik, Feuerlöschsystemen, Lackindustrie-, Flüssigkristalltechnologie, Beschichtung von Solarzellen, Halbleiterindustrie oder für die Fertigung von modernsten Brennstoffzellen u. v. m. verwendet. Die meisten Sektoren gehören der Hoch-Technologie an, und viele Anwendungen und C6-Telomerfolgeprodukte sind vielen Experten geläufig. So werden u. a. Smart- Phones durch Beschichtungen mit C6-Telomerprodukten in speziellen Plasmaverfahren wasserresistent gemacht. Wirklich gleichwertig funktionierende fluorfreie Alternativrohstoffe gibt es in vielen Industriesektoren nicht bzw. man forscht an teuren Alternativen. Auch im Bereich der textilen Outdoor- und Normal-Bekleidung macht sich daher zunehmend Ernüchterung hinsichtlich der technischen Leistungsfähigkeit der derzeit im Markt verfügbaren fluorfreien Produkte breit.

Die Folgen eines weitreichenden C6-Chemie-Verbotes, wären daher, Stand heute, für die ganze Industrie unabsehbar. Die Industrie hat über ein Jahrzehnt auf diese C6-Alternativchemie mit vielen Kosten und hohem Aufwand ihre Prozesse, wo auch immer möglich, umgestellt. Einige Bereiche bedürfen aber aufgrund höchster, u. a. gesetzlicher Schutzniveauanforderungen im Medizin- und Arbeitsschutz noch immer des Einsatzes von C8-Chemie. Auch in diesem Ausnahmebereich wurden parallel die Emissionen kritischer Substanzen in die Umwelt durch geeignete Maßnahmen minimiert.

Zusammen mit den angestrebten weiteren Restriktionen der deutschen Behörden, z. B. bei den Fluorpolymeren wie PTFE, kommt eine weitere fatale Entwicklung in Gang. Fluorpolymere werden aufgrund ihrer herausragenden Materialeigenschaften in allen Hochtechnologie-Bereichen „made in Germany“ eingesetzt. Von der Medizintechnologie, Luftund Raumfahrt, dem Baubereich, der Dichtungstechnik, Elektronik, dem Sondermaschinenbau, hunderten Bauteilen im Automobil bis hin zu vielen Umwelttechnologien kann kein Industriezweig auf diese Werkstoffe verzichten.

Wird dieser Restriktions-Weg in der Fluorchemie ohne entsprechend funktionierende Alternativstoffe weiter in der bisher gezeigten Art beschritten, droht dem Standort Deutschland und Europa sprichwörtlich der industrielle Totalausfall.

Die Liste der deutschen RMOA gibt es unter http://bit.ly/RMOA-Liste

PFHA ist, als unbeabsichtigtes Nebenprodukt, in Spuren in C6-Telomerprodukten enthalten. Die C6-Produkte werden u. a. für die wasser-, öl-, schmutz und chemikalienabstoßende Ausrüstung von Textilien eingesetzt. Maßgebend ist bei den Vorläufersubstanzen der 6:2 Fluortelomeralkohol, der sich in der technischen Chemie durch Destillation nicht völlig aus dem Produkt entfernen lässt.