Biozidkennzeichnung im Praxistest

Workshop hilft Textilern die Anforderungen zu meistern

Workshop Biozid
Foto: © Südwesttextil

Die neue EU-Biozidverordnung ist keine textilspezifische Verordnung. Sie strukturiert die Anwendungsbereiche der Biozide in vier Hauptgruppen mit insgesamt 22 Produktarten. Daher sind die Vorgaben zwar definiert, aber branchenunspezifisch allgemein gehalten und die Graubereiche entsprechend groß. Der wesentlichste Unterschied zu früheren, nationalstaatlichen Regelungen besteht im Kern darin, dass die biozid behandelten Textilien seit 1. September 2013 gekennzeichnet werden müssen, und dies bereitet den Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie oft große Schwierigkeiten.

Um ihren Mitgliedsunternehmen bei diesem komplexen Thema Hilfestellung zu geben, veranstalteten am 18. September Südwesttextil und Gesamtmasche den ersten Workshop „Biozid“. Und er wurde gut angenommen: 30 Teilnehmer erarbeiteten unter der Leitung von Südwesttextil-Referent für Technik, Umwelt und Innovation Stefan Thumm, Dipl.-Ingenieur (FH) für Textilchemie und Textilveredelung, viele individuelle Lösungswege für die selbst für Fachleute sehr schwierig umzusetzende neue EU-Biozidverordnung. „Deshalb ist die hierfür zuständige nationale Behörde, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – kurz BAuA, gefordert, für mehr Klarheit zu sorgen“, meinte der Referent.

Besonders die Durchführung der Kennzeichnung und deren Anbringung an den textilen Artikeln bereite großes Kopfzerbrechen. Auch die vorgeschriebene Kennzeichnung in der jeweiligen EU-Amtssprache für das EU-Land, in dem diese Textilien in Verkehr gebracht würden, stelle die meist mittelständischen Textilunternehmen vor große logistische Probleme und treibe zudem die Kosten in die Höhe.

Im Bereich des Marketings selbst gäbe es keinen von der BAuA definierten textilspezifischen Katalog, der aufzeige, mit welchen Werbeaussagen überhaupt noch geworben werden dürfe, so Thumm. Zur Verdeutlichung präsentierte er den interessierten Teilnehmern Beispiele von kritisch unter Beobachtung stehenden gesundheitlichen Werbeaussagen wie „schützt vor bakterieller Infektion/Übertragung“, „killt 99 Prozent der Bakterien“, „antibakterieller Effekt“, „bekämpft Keime“, „kontrolliert Schimmel- bzw. Pilzwachstum“. Diese Werbeaussagen könnten als primäre biozide Funktion angesehen werden. Das würde bedeuten, dass das Textil selbst als Biozidprodukt zugelassen werden müsste. Eher unkritisch seien Werbeaussagen, die sich auf das Textil selbst beziehen: „stoppt Geruchsbildung im Textil“, „hemmt die Vermehrung von Bakterien und Pilzen im Textil“, „hält Insekten vom Textil fern“ oder „enthält ein Konservierungsmittel zum Schutz vor mikrobiellen Befall des Textils“. „Es kommt also nicht nur darauf an, dass biozide Werbeausagen getroffen werden, sondern mit welchen Werbeaussagen das Textil vermarktet wird, ob es als Biozidprodukt zulassungspflichtig oder nicht ist“, erklärte der Experte. Und das könne teuer werden.

„Wenn bei Textilien eine sogenannte „primäre biozide Funktion“ von der Behörde festgestellt wird, werden diese selbst zum Biozidprodukt und müssen zu Kosten ab 80 000 Euro als Biozidprodukte zugelassen werden“. Die Zulassung müsse ggf. auch bei geringfügigen Artikeländerungen erneut kostenintensiv durchgeführt werden und das sei bei Textilien ja an der Tagesordnung, meinte Thumm. Auch hier gäbe es mit der BAuA noch Klärungsbedarf, denn ansonsten bestünde die Gefahr, dass bestimmte textile Schutzbarrieren gegen Krankheitserreger bzw. Krankheitsüberträger allein aufgrund hoher Zulassungskosten und amtlicher Auslegungsthematiken verloren gingen.

Die textile Produktion sei ebenfalls betroffen. Erste Biozidprodukte seien bereits vom Markt verschwunden, andere drohten künftig wegzufallen oder ihre Einsatzmöglichkeiten würden beschränkt. Für bestimmte Biozide und deren Anwendungsprozesse drohe aufgrund des teuren Genehmigungs- bzw. Zulassungssystems zudem eine Monopolisierung auf Anbieterseite.

Zu diesen und vielen noch offenen Fragen werden die Verbände die BAuA auffordern für mehr Klarheit zu sorgen und die neue Biozidverordnung im Sinne der Industrie und der Verbraucher möglichst eindeutig und pragmatisch handhabbar zu machen. Den Anfang hierzu macht Michael Engelhardt, Leiter des Referats Energie, Umwelt und Rohstoffpolitik beim Gesamtverband textil+mode. Am 3. November wird er einen Vortrag bei der Fachveranstaltung „Behandelte Waren im Biozidrecht“ der BAuA in Dortmund halten und den Dialog einleiten.

Wirkstoff Biozid

Ein biozider Wirkstoff ist ein/e natürliche/s Element/Verbindung oder eine synthetisierte Verbindung, dessen/deren biozide Wirkung nachgewiesen bzw. benannt ist und der aktiv Schadorganismen wie z B. Bakterien, Pilze, Viren, Milben, Zecken etc. durch nicht physikalische oder mechanische Einwirkung abtötet, abschreckt, an der Reproduktion hindert oder auf sonst einen auch irgendwie gearteten Mechanismus unschädlich macht. Der Wirkstoff der aktuell verwendet wird, muss unbedingt bei der ECHA in der entsprechenden Produktart gemeldet, ein Genehmigungsantrag gestellt und ggf. genehmigt sein. Aktuell (Stand September 2014) befinden sich fast alle gemeldeten Wirkstoffe, die eine textile Verwendung finden, in diesem Genehmigungsverfahren (review) und dürfen mindestens bis zum jeweiligen Entscheid weiterhin verwendet werden. Eine Liste der aktuell zugelassenen Wirkstoffe gibt es unter: http://www.reach-clp-biozid-helpdesk.de