Blauherz: Innovativ, inklusiv & eine Herzensangelegenheit

BWL-Studierende mit textilem Herz – aus einer Mannheimer Studierendeninitiative hat sich ein inklusives Start-up entwickelt. Zwei Gründer des Modelabels im Gespräch mit Südwesttextil.

Die Blauherz-Produkte wurden für Menschen mit und ohne Handicap entwickelt. Erhältlich sind sie unter anderem im Online-Shop und im Werksverkauf.
Foto: Die Blauherz-Produkte wurden für Menschen mit und ohne Handicap entwickelt. Erhältlich sind sie unter anderem im Online-Shop und im Werksverkauf.
© Blauherz

Die Geschichte der Initiative Blauherz beginnt vor rund zwei Jahren im Rahmen eines „Enactus Projektes“ an der Universität Mannheim. Die weltweit agierende Studierendeninitiative ist mit rund 35 Teams in ganz Deutschland vertreten. In Mannheim engagieren sich rund 100 Studierende für die sozialunternehmerischen Projekte. Durch die Freundin eines Mitglieds wurden die Gründer auf den Mangel an Bekleidung für Menschen mit Behinderung aufmerksam und nahmen sich vor, dieses Problem zu lösen. Gesagt, getan. Unter dem Namen „Clothing the gap“ suchten die Studierenden zunächst Kontakt zu Menschen, machten eine Umfrage und ermittelten so die Bedürfnisse der Betroffenen. Dabei stellte sich heraus, dass besonders Rollstuhlfahrer nur auf ein geringes Angebot an geeigneten Hosen zurückgreifen können – und die sind alles andere als modisch. Jogginghosen, auf die viele notgedrungen zurückgreifen, werden oft als entwürdigend empfunden.

Neben einem modischen Look und einem hohen Maß an Komfort, sollten die Produkte vor allem eine geeignete Passform sowie eine gute Funktionalität haben. Deshalb wurden die speziellen Anforderungen, die Rollstuhlfahrer im Vergleich zu Fußgängern haben, ermittelt und in einem Prototyp umgesetzt. Die Entwicklung dieses ersten Modells dauerte bis Ende des Jahres 2017.

Im Pilgerhaus in Weinheim hat das junge Modelabel seine Nähwerkstatt eingerichtet.
Vom Prototyp zum fertigen Produkt – die Hose für Rollstuhlfahrer kombiniert Mode, Funktion und Komfort.
Foto: Im Pilgerhaus in Weinheim hat das junge Modelabel seine Nähwerkstatt eingerichtet.
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Foto: Vom Prototyp zum fertigen Produkt – die Hose für Rollstuhlfahrer kombiniert Mode, Funktion und Komfort.
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Im Jahr 2018 konnte die Entwicklung von der Idee zum Start-up endlich geschehen. Nach Abschluss stand die Frage im Raum: „Wie bringen wir die Hose an den Kunden?“ Relativ schnell wurde den jungen Entrepreneuren klar, dass sie Unterstützung von außen benötigen. Über einen Artikel im Mannheimer Morgen wurde das Pilgerhaus Weinheim auf die Initiative aufmerksam. Die diakonische Einrichtung hatte selbst für geflüchtete Frauen ein Nähprojekt für Kinderkleidung ins Leben gerufen und so ergab sich ein perfekter Austausch der Kapazitäten: Das Pilgerhaus hatte sowohl personelle als auch maschinelle Kapazitäten und die Mannheimer Gründer die Idee. So wurde die Nähwerkstatt in Weinheim im März und April komplett renoviert und neu ausgestattet, so dass dort jetzt neun Arbeitsplätze, ein Büro sowie eine Ankleide zur Verfügung stehen.

Mit dem neuen Partner entschieden sich die Studierenden aus strategischen Gründen auch für einen neuen Namen. So steht Blauherz nicht nur für die Enactus-Farbe und die des ersten Produkts, sondern vor allem für eine Herzensangelegenheit. Die Studierenden realisierten im Prozess der Markenbildung, dass Sie nicht „nur“ ein Produkt für Rollstuhlfahrer anbieten möchten, denn das würde dem inklusiven Grundgedanken der Gründer widersprechen. So entstand um die innovative Hose ein Sortiment aus T-Shirts und Beuteln, zu denen noch weitere Produkte dazu kommen sollen. Das Ziel ist es, dass jeder bei Blauherz einkaufen kann – ohne sich Gedanken machen zu müssen. Dieser inklusive Aspekt soll sich auch durch alle anderen Geschäftsbereiche ziehen: So wird beispielsweise der Onlineshop so gestaltet, dass er auch für Menschen mit geistiger Behinderung verständlich ist und in die Produktion sollen weiterhin Menschen mit Handicap integriert werden. Auch auf Nachhaltigkeit wird bei Materialien oder Verpackung geachtet, selbst wenn die Gründer dort nach wie vor große Herausforderungen sehen.

Um den Aufbau der Marke zu finanzieren, starteten die Studierenden eine Crowdfunding Kampagne, drehten einen Imagefilm und nahmen an zahlreichen Wettbewerben für Start-ups teil. Mit Stolz blicken sie auf Erfolge wie den Gewinn des „Social Start-up BW“ sowie das Erreichen der TOP 50 in der Google Impact Challenge zurück und freuen sich über die ersten Produkte, die dank der erfolgreichen Crowdfunding Kampagne das Pilgerhaus in Weinheim verlassen. Große Herausforderungen liegen darin, dass das Produkt oft erklärungsbedürftig ist und sich daher am besten auf Messen und durch persönlichen Kontakt verkauft. Viele Rollstuhlfahrer wissen nach wie vor nichts von einem spezifischen Angebot und nehmen Druckstellen oder Unwohlsein in Kauf.

Sven und Johanna hoffen, dass die Entwicklung des Start-ups es zulässt, dass sie sich nach Abschluss ihres Studiums Vollzeit für die inklusive Modemarke engagieren können. Der Anfang ist mit drei bereits festangestellten Mitarbeitern gemacht, und der nächste Meilenstein ist die Gründung einer gemeinnützigen GmbH, die für Anfang des nächsten Jahres angestrebt wird.

Bei Interesse an einer Kooperation, können Sie das Label per E-Mail ([javascript protected email address]) kontaktieren. Weitere Informationen und die Produkte sind im Online-Shop des Start-ups zu finden.