Branchendaten Chemiefasern: Studie 'The Fiber Year 2016'

Anfang Mai hat die Industrievereinigung Chemiefaser e. V. (IVC) die 16. Auflage der Studie “The Fiber Year 2016” im Rahmen eines Pressegesprächs in Frankfurt am Main die wichtigsten Branchendaten Deutschlands vorgestellt.

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Faserproduktion

Trotz internationaler Trends und vielerlei politischer Herausforderung, die die deutschen Chemiefaserproduzenten immer mehr bedrängen, sind Chemiefasern „Made in Germany“ immer noch keine ausgestorbene Art.

Denn während 2014 die Chemiefaserbranche in Deutschland eine Verminderung der Produktionsmengen von - 6.1 % hinnehmen musste, fand 2015 eine Stabilisierung der Produktionsmengen auf dem fast gleichen Niveau des Vorjahres statt. Die Herstellung von cellulosischen Chemiefasern ist zwar mit einer Senkung von - 6.8 % (Vorjahr - 8.6 %) rückläufig geblieben - konform dem weltweiten Einbruch der Baumwolle, jedoch erlebten die synthetischen Chemiefasern (insbesondere Polyester) einen leichten Anstieg von + 1.6 % (im Vorjahr - 4.9 %). Somit hielt sich die Verringerung der Produktionsvolumina bei - 0.9 % in Grenzen.

Als Konsequenzen davon sind ein Umsatzrückgang von - 4.8 % und damit einhergehende notwendige Personalanpassungen von - 1.4 % zu verzeichnen - alarmierende Signale dafür, dass die Standortbedingungen für Chemiefaserproduzenten in Deutschland (und Europa) dringend verbessert werden müssen. Eine positive Trendwende könnte sich sicherlich durch eine den fairen Wettbewerb schützende und die Industrie fördernde Haltung der Brüsseler EU-Politik abzeichnen. Doch die Akzente der aktuellen politischen Debatten bspw. über die Anerkennung des Marktwirtschaftsstatus an China – um nur ein Beispiel nicht sachgetriebener, sondern politisch motivierter Entwicklungen zu nennen – deuten einen ganz anderen Willen an.

Faserproduktion erstmals seit fünf Jahren geringer als Verbrauch

Die weltweite Faserproduktion ist erstmals seit dem Jahr 2008 wieder gesunken. Das globale Volumen fiel um 0,7 % auf 94,9 Millionen Tonnen. Entscheidend war der Rückgang durch Baumwolle geprägt, die ihren stärksten Einbruch seit vierzig Jahren erlebte. Die Produktion in der aktuellen Saison wird auf 22,0 Millionen Tonnen beziffert, was einer Verminderung um 15,6 % gegenüber der vorangegangenen Saison entspricht. Bei gleichzeitig leicht gesunkener Nachfrage um 2,2 % bleiben die Lagerbestände mit über 20 Millionen Tonnen weiterhin enorm hoch. Für Chemiefasern sind weltweite Angaben zu Lagerbeständen nicht verfügbar, allerdings deuten die hohen Wachstumsraten der chinesischen Chemiefaserindustrie weiterhin auf einen massiven Angebotsüberschuss hin.

Die weltweite Fasernachfrage ist im Jahr 2015 auf 96,7 Millionen Tonnen angewachsen. Dies entspricht einer Zunahme gegenüber dem Vorjahr von 3,1 %, dem schwächsten Wachstum seit vier Jahren infolge eines kontinuierlich abnehmenden Nachfragewachstums. Bei einer Weltbevölkerung von etwa 7,3 Milliarden Menschen ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Pro-Kopf-Verbrauch von 13,3 kg textiler Materialien für Bekleidung, Heimtextilien, Teppiche und technische Textilien.

Synthesefasern verzeichneten einen Anstieg von 6,6 % auf 60,7 Millionen Tonnen, maßgeblich getragen von Zuwächsen bei Polyester. Der Anstieg geht allerdings überwiegend auf den Bereich der Filamentgarne zurück, da Stapelfasern nur ein moderates Wachstum von 2,4 % erreichten. Das kann trotzdem als Erholung gewertet werden, nachdem dieser Industriezweig im Vorjahr erstmals seit 2008 noch einen Rückgang aufwies.

Zellulosefasern wiesen erstmals seit sieben Jahren starken Wachstums wieder einen leichten Produktionsrückgang von 1,2 % auf 6,1 Millionen Tonnen auf. Der Markt wird nahezu vollständig von Stapelfasern bestimmt. Viskosefasern konnten dank Zuwächsen in Europa und Asien ihr Volumen um 1,1 % auf 4,9 Millionen Tonnen anheben. Demgegenüber haben Acetatfasern im zweiten aufeinanderfolgenden Jahr Einbußen zu verzeichnen. Eine abnehmende Produktionstätigkeit war in allen Märkten und Regionen zu erkennen mit einem weltweiten Einbruch um 7,5 % auf 0,9 Millionen Tonnen. Dieser drastische Einschnitt war deutlich stärker als Einbußen im Endverbrauch, was als klares Indiz für globalen Lagerabbau gewertet werden kann. Die langfristige Schrumpfung bei zellulosischen Garnen für textile Einsatzzwecke ist weiter vorangeschritten, sodass das globale Angebot von etwa 350 000 Tonnen dem Niveau der frühen 1930er Jahre entspricht.

Der Markt für Naturfasern erlebte mit einer Reduzierung um 13,2 % auf 28,1 Millionen Tonnen den stärksten Jahresrückgang seit 1986, was insbesondere auf den Bereich von Baumwolle zurückzuführen ist. Die Produktion von Wolle war nahezu unverändert mit 1,1 Millionen Tonnen, während bei Bastfasern eine Verminderung um etwa 5 % erwartet wird.

Regionale Chemiefaser-Produktion

Die Volksrepublik China konnte ihre dominante Position weiter stärken mit einer Erhöhung der Produktionsleistung um 8,9 % auf nunmehr über 47 Millionen Tonnen. Die USA festigten ihre zweite Position trotz leichtem Rückgang um 2,5 % auf 2,9 Millionen Tonnen, da Indien einen fortgesetzten Rückgang im fünften aufeinanderfolgenden Jahr auf 2,6 Millionen Tonnen erlebte.

Handelsvolumen wächst unvermindert

Laut World Trade Organization (WTO) betrug der Textil- und Bekleidungsexport im Jahre 2014 rund 820 Milliarden USD. Die für das Jahrbuch recherchierten Handelsströme von 26 Ländern sowie der EU (28) für das Jahr 2015 lassen vermuten, dass der weltweite Export auf rund 780 Milliarden USD zurückgehen wird. Während sich die chinesischen Exporte erstmals seit sechs Jahren rückläufig entwickelten, konnten Bangladesch, Kambodscha, Myanmar und Vietnam ihren Ausfuhrwert weiter anheben. Die dynamische Entwicklung insbesondere in Vietnam mit boomender Textilindustrie kann dem Einfluss von Freihandelsabkommen zugeschrieben werden.

Faserverarbeitung

Die Verarbeitung aller Faserarten in Deutschland konnte im Jahr 2015 das Niveau des Vorjahres nicht erreichen und erlitt einen Rückgang von - 11.6 %.

Die Gesamtimporte an Chemiefasern - überwiegend aus den 28 EU-Staaten mit + 54 %, gefolgt von Asien mit + 40 % - verzeichnen ein Plus von 1.1 % (synthetische Stapelfasern +1.9 % und synthetische Filamente +1.7 %), wobei die cellulosischen Chemiefasern einen Einbruch von - 7.4 % erlitten. Der Gesamtexport ist leicht rückläufig (- 2.0 %). Hier blieben trotz der rückläufigen Gesamtexportmenge die Anteile in die einzelnen Regionen der Welt im Vergleich zum Vorjahr unverändert.

Im Vergleich zum Vorjahr gab es hinsichtlich der Einsatzbereiche von Fasern zwischen den Sektoren Bekleidung, Technische und Heimtextilien eine Zunahme von knapp + 3 % bei den Heimtextilien. Bezogen auf die Art und den Anteil der verwendeten Faser sind im Vergleich zum Vorjahr keine großen prozentualen Verschiebungen zu verzeichnen.

Fazit

Trotz ungünstig werdender wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist es dem unermüdlichen Engagement und der Innovationskraft der hiesigen Chemiefaserbranche zu verdanken, dass sie sich im internationalen Wettbewerb weiterhin behaupten kann. Trotzdem würde der Branche ein etwas geringerer politischer Gegenwind guttun.

Die Studie “The Fiber Year 2016” umfasst aktuelle Entwicklungen zu allen wichtigen Natur- und Chemiefasern, Rohstoffen mit einer Vorhersage bis 2020 sowie Vliesstoffen. Zudem geben zwanzig Länderprofile für führende produzierende wie auch konsumierende Nationen einen weltumspannenden Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Textilindustrie. Ein umfangreicher statistischer Anhang liefert die wichtigsten Informationen schließlich auf einen Blick. Wie in den Vorjahren wird das Jahrbuch bereichert durch eine Reihe von Artikeln renommierter Industrieexperten.