Das Land der Vuvuzelas

Textile Chancen am Kap – Südafrika hat auch neben der WM viel zu bieten

Südafrika im Fußballfieber: Vorbereitung und Durchführung der Weltmeisterschaft haben in- und ausländische Unternehmen unterschiedlichster Branchen Geschäftschancen geboten.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat die deutsche Wirtschaft bereits als "Gewinner" der Fußball-WM ausgerufen. Deutsche Unternehmen hätten bisher Aufträge für insgesamt 1,5 Milliarden Euro eingeworben. Dadurch seien rund 15?000 Arbeitsplätze in Deutschland und Südafrika gesichert und neu geschaffen worden.

Eine Studie der Postbank stützt diese These. Um 3,7 Mrd. Euro sei Südafrikas Wirtschaft durch die Fußball-WM gewachsen, heißt es, und davon profitiere vor allem Deutschland.

Auch die Textilbranche nutzt ihre WM-Chance, die weit mehr bedeutet als Rekordumsätze in Herzogenaurach durch millionenfache Trikotverkäufe. Neben dem Fanartikel-Geschäft sind es vor allem technische Textilien, die bei der Großveranstaltung zum Einsatz kommen. Dazu gehören neben Eventzelten auch Windschutzvorrichtungen, Spezialtextilien zur Insektenabwehr oder flammhemmende Textilbahnen.

Große Aufmerksamkeit haben die textilen Dachkonstruktionen der neuen Stadien erregt. Wo hätte die deutsche Nationalelf ein besseres Auftaktspiel haben können als unter einem "Himmelsbogen"? So nennen die Architekten und Ingenieure den 104 Meter hohen stählernen Bogen, an dem die Falten des textilen Stadion-Zeltdaches aufgehängt sind und der in der südafrikanischen Stadt Durban ein weithin sichtbares Zeichen setzt.

Alles nur ein Sommermärchen? Sicher nicht. Jenseits der WM-Euphorie entwickelt sich die Wirtschaft am Kap schon lange so stark wie nirgendwo sonst in Afrika. Deutsche Textilunternehmen wie Falke oder die Daun-Gruppe sind seit Jahrzehnten in Südafrika präsent. Trotz aller Bedenken und Kritik an Politik und Verwaltung hat das Land seine Leistungsfähigkeit demonstriert und gleichzeitig ein positives Signal an ausländische Investoren gesendet. Sechzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Südafrika ein offenes Land mit einer liberalen Rechts- und Wirtschaftspolitik, bestätigen Unternehmer vor Ort.

Südafrika verspricht auch in den nächsten Jahren gute Lieferchancen für deutsche Unternehmen. Hohe öffentliche Infrastrukturinvestitionen sorgen für stetigen Bedarf an ausländischem Know-how.

Die Automobilproduktion zählt neben dem Rohstoffreichtum zu den wirtschaftlichen Grundsäulen Südafrikas und steht zusammen mit der lokalen Zuliefererindustrie für fast zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes.

Ebenso bedeutend ist gemessen an der Wirtschaftsleistung der Bergbau. Südafrika sitzt auf scheinbar unerschöpflichen Vorräten an Bodenschätzen. Die Einnahmen aus dem Rohstoffexport machen Südafrika aber auch abhängig von der Weltkonjunktur. Entsprechend hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ihre Spuren hinterlassen: 2009 schrumpfte die südafrikanischen Wirtschaft um 1,8 Prozent.

Für 2010 wird jedoch wieder mit einem BIP-Plus von mindestens 2,5 Prozent gerechnet, und in den nächsten Jahren soll sich das Wachstum weiter beschleunigen. Für das laufende Jahr rechnen Experten mit einer Zunahme des Konsums um 5 Prozent. Insgesamt werden ca. 15 Prozent der Einwohner der kaufkräftigen Schicht zugerechnet.

Wachstumshemmend wirken sich der Mangel an qualifiziertem Personal und die Energieknappheit aus. Offiziellen Zahlen zufolge lag die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr bei 23,5 Prozent, inoffizielle Berechnungen weisen hingegen eine Quote von rund 40 Prozent aus. Zusätzlich belastet der hohe Anteil an Aids-Kranken die Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Inoffiziell sollen bis zu 40 Prozent der Südafrikaner infiziert sein.

Das jährliche Durchschnittseinkommen eines Südafrikaners liegt bei 5?900 US-Dollar, in Kaufkraftparitäten gemessen allerdings bei 10?000 US-Dollar. Das ist immerhin ein Viertel des Einkommens eines US-Bürgers. Die Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sind jedoch trotz Fortschritten noch immer gewaltig. Mehr als 40 Prozent leben von umgerechnet weniger als zwei US-Dollar am Tag. Die Antwort der Regierung des Präsidenten Jacob Zuma auf das Beschäftigungsproblem sind Programme, die mehr ausländisches Kapital anlocken und die Exporte befördern sollen.

Seit 2000 besteht zwischen Südafrika und der Europäischen Union ein Freihandelsabkommen. Im Textil- und Bekleidungsbereich wurde Südafrika ein großzügiger Zollabbaufahrplan zugestanden. Durch die hohen Drittlandszölle Südafrikas sind aber bereits die reduzierten Sätze angesichts des hohen Importbedarfs ein deutlicher Wettbewerbsvorteil. Endgültig fallen werden die Zollschranken 2013.

Im vergangenen Jahr lieferte Deutschland Textilien und Bekleidung im Wert von knapp 66 Mio. Euro in die Kaprepublik. Die Bedeutung Südafrikas für den Export bewegt sich damit in einer ähnlichen Dimension wie die Brasiliens.