Demografie-Workshop I

Vom Erdbeerensammeln und der Mülleimeranalyse

An innovativen Ideen zum Thema "demografischer Wandel" mangelt es den Firmen nicht. Auch ein Gesundheitstag kann attraktiv verpackt werden: Man stelle Bierbänke und antialkoholische Getränke, miete zwei Erdbeerfelder und teile an die Belegschaft leere 5 kg-Eimer zusammen mit einem Gutschein zum Erdbeersammeln aus. Die Firma Gienanth GmbH konnte damit fast die gesamte Belegschaft zusammen mit Ehegatten und Kindern auf den Acker locken - und das am Wochenende! Die Begeisterung der Belegschaft an dieser Aktion hat sich zudem auf sämtliche an diesem Tag durchgeführten Gesundheitsangebote der BKK als auch der langfristigen Teilnahme an Sportgruppen übertragen.

Solche und ähnliche Erfahrungsberichte zum Thema Demografie konnten Unternehmensvertreter und Betriebsratsmitglieder in der von den Tarifvertragsparteien gemeinsam organisierten Veranstaltung "Zukunft oder Kollaps – Die textilen Branchen im Wandel" austauschen. Schon in der Eröffnungsrede wiesen der stellvertretende Geschäftsführer des Gesamtverbandes textil+mode, Hans-Joachim Blömeke, und der Tarifsekretär der IG Metall, Michael Jung, darauf hin, dass das Thema als "Langstreckenlauf" bearbeitet werden müsse und einen strategischen Ansatz erfordere.

Die Grundlagen zu den Schwerpunktthemen Alter, Qualifizierung und Gefährdungen wurden praxisnah vermittelt. In einem ersten Workshop machte Verbandsingenieur Michael Zimmermann als Basis einer jeden demografiebewussten Personalarbeit das Wissen um die tatsächlichen Altersstrukturen und Qualifikationen im Betrieb aus. Demografie dürfe für Unternehmen nicht nur eine Worthülse sein. Die in den nächsten 20 Jahren altershalber ausscheidenden Mitarbeiter könnten schon heute ermittelt werden. Auch der Nachwuchs der nächsten 20 Jahre sei schon auf der Welt, so dass Unternehmen unter Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten Aussagen über die Bedarfsdeckung treffen könnten, betonte der Verbandsingenieur. Tools zur Altersstrukturanalyse unterstützten die Personalarbeit wesentlich, vorausgesetzt, sie ermöglichen eine jährliche, abteilungsbezogene, auf Kostenstellen und einzelnen Mitarbeiter heruntergebroche Simulation. Die Fluktuationsquote im Unternehmen solle dabei mit einbezogen werden. Nach der Entscheidung welche Mitarbeiter wann ausscheiden, fange die eigentliche Arbeit erst an: So müsse festgestellt werden, welche Qualifizierungen und Zertifizierungen zu ersetzen seien und durch welche Maßnahmen das geschehen könne. In der abschließenden Diskussion waren sich die Teilnehmer einig - immer mehr Mitarbeiter müssten im eigenen Haus nachqualifiziert werden, da sie von außerhalb immer schwerer zu bekommen seien.

Auch die Arbeitskraft der älteren Arbeitnehmer muss länger als bisher für den Betrieb nutzbar gemacht werden. Wie alternsgerechtes Arbeiten umgesetzt werden kann, stellten Hans Szymanski vom Berufsforschungs- und Beratungsinstitut für interdisziplinäre Technikgestaltung und der Betriebsratsvorsitzende der Spinnerei Neuhof GmbH & Co. KG vor. Aufgrund einer dort erstellten ausführlichen Gefährdungsanalyse, die unter Inanspruchnahme von ESF-Fördergeldern finanziert wurde, konnten viele technische Möglichkeiten gefunden werden, Arbeiten belastungsfreier zu gestalten. Diese wurden in jeder Abteilung in Steuerkreisen erarbeitet, die sich aus Technikern, Betriebsleitern, Meistern, Betriebsratsvorsitzenden, Sicherheitsfachkräften und Arbeitsmedizinern zusammensetzten. In Bereichen, in denen Belastungen nicht vermeidbar waren, wurden Rotationsmaßnahmen, Belastungswechsel und zeitliche Begrenzungen eingeführt. Komplizierter in der Umsetzung der Maßnahmen waren gerade die belasteten älteren Mitarbeiter. Sie mussten in vielen Gesprächen überzeugt werden, dass es für ihre Gesundheit und Erhaltung der Arbeitskraft notwendig ist, "ihre Maschine" zu verlassen, um sich an anderen Maschinen einzuarbeiten.

Aufgrund der vielen Erfahrungsberichte aus überwiegend textilen Betrieben des Mittelstandes konnten die Teilnehmer vielfältige, sofort einleitbare Anregungen für das eigene Unternehmen gewinnen. Auch wenn das Thema Arbeit und Gesundheit erst im nächsten Workshop der Tarifvertragsparteien am 27. Juni vertieft behandelt wird, gab ein Betriebsrat schon Auskunft darüber, wie man Suchtprobleme im Betrieb einfach erkennen könne: "Da mach ich nach Schichtende einfach eine Mülleimeranalyse ? dann kenn ich die Probleme im Betrieb".

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