Die Erforschung der textilen Welt

Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz sind stärker im Fokus

Die Welt, auch die technotextile, verändert sich im Eiltempo. Die uns angeschlossenen 16 Textilforschungsinstitute haben ein summarisches Kraft- und Entwicklungspotenzial, das global gesehen immer noch einzigartig ist. Mehr als 1 000 Textilforscher in Mitteldeutschland, Schwaben und im Nordrheinischen legen im engen Dialog mit der zumeist mittelständischen Industrie Grundlagen für innovative Produkte und Verfahren und sichern so die Zukunftsfähigkeit über die eigene Branche hinaus. Beispiel Medizintechnik: Wer weiß schon, dass die Textilforschung für die Humanmedizin bereits weit über 30 textilbasierte Anwendungen entwickelt hat? Dazu gehören künstliche Aorten, kühlende Gipsverbände oder aus Hohenstein z. B. Verbandsmaterialien aus Hohlfasern, die direkt in die Wunde Arzneiwirkstoffe "nach Plan" abgeben können.

Die vor allem durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie über das Programm Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF) seit Jahr und Tag geförderte Textilforschung – das sollte nicht vergessen werden – hat in den letzten Jahrzehnten einen wesentlichen Beitrag zum Strukturwandel der seinerzeit vom Aus bedrohten traditionellen Textilindustrie hin zu einem faserbasierten Werkstoffproduzenten geleistet. Textilforschung als Überlebensretter, Technische Textilien als interdisziplinäres Sprungbrett in die Zukunft.

Aktuell erzielt die Textilbranche fast die Hälfte ihres Gesamtumsatzes bereits mit Produkten aus diesem Bereich. Die Erzeugnisse von mittlerweile 380 Herstellern fließen in zukunftsträchtige Produkte und Anwendungen ein und ergänzen bzw. ersetzen bewährte Werkstoffe wie Holz, Aluminium, Kunststoffe und Stahl. Forschungsergebnisse wie die textile Fassadenplatte aus Aachen, der Greizer Therapiehandschuh für Schlaganfallpatienten oder der Nebelfänger aus Denkendorf, dem Zentrum der textilbionischen Forschungen, gelangen schneller an den Markt, wenn projektbegleitend von Anfang an Industriepartner mit einbezogen werden.

Nur wenige Industrieverbände koordinieren ihre Forschungsthemen entlang perspektivischer Leitthemen und in enger Abstimmung zwischen Forschungsinstituten, Sachverständigen und Unternehmen. Dazu gehört neben dem Maschinenbau auch Textil. Als Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) erschließt unser Gremium Fördermöglichkeiten vor allem im Rahmen der IGF und macht in jüngster Zeit zudem Fördermöglichkeiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der EU im Interesse der Textilforschung nutzbar. Darüber hinaus unterstützen wir den Transfer von neuesten wissenschaftlichen Lösungen – zumeist faserbasierte Werkstoffe bzw. deren Produktionstechniken – in die Industriepraxis. Deshalb signalisiert der FKT-Newsletter (zu beziehen unter http://www.textilforschung.de) mehrmals im Jahr: "Transfer gelungen".

Im Kuratorium wirken 20 Wirtschaftsverbände mit mehr als 1 200 vorrangig mittelständischen Mitgliedsunternehmen zusammen, um für zukunftsweisende Forschungsprojekte Fördermittel zu akquirieren. Jede der gemeinsam ausgewählten themenoffenen Projektideen wird dabei einer eingehenden wissenschaftlichen wie wirtschaftlichen Prüfung unterzogen und zur Förderung vorgeschlagen. Im langjährigen Durchschnitt sind zwei von drei Anträgen erfolgreich. So können jährlich zwischen 40 und 50 praxisnahe IGF-Vorhaben aus den Leitbereichen Gesundheit, Mobilität, Sicherheit, Kommunikation und Emotionalität in Angriff genommen werden.

Mit Blick auf das Jahr 2025 leitet das FKT derzeit Handlungsempfehlungen für künftige Forschungsschwerpunkte ab, die sich aus solchen globalen Megatrends zu den Stichworten Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz und Energieeinsparung ergeben. Dabei gewinnt die Koordinierung und Verzahnung zu den benachbarten europäischen Textilforschungseinrichtungen zunehmend an Bedeutung.

Dr. Klaus Jansen, Geschäftsführer Forschungskuratorium Textil e. V. (FKT)