Die Tarifrunde der westdeutschen Textil- u. Bekleidungsindustrie

5 Prozent mehr Lohn und Gehalt hat die IG Metall gefordert. Außerdem sollen Gespräche über die Bewältigung des demografischen Wandels geführt werden.

Zum Auftakt der Tarifverhandlungen 2011 in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie trafen sich IG Metall und Arbeitgebervertreter soeben in Frankfurt am Main. IG Metall Vorstand Michael Jung forderte erneut 5 Prozent mehr Lohn und Gehalt sowie Gespräche über die Bewältigung des demografischen Wandels. Jetzt finde der Aufschwung statt, daher sei die Erhöhung der Entgelte ein Muss. Leistung müsse sich lohnen und eine Ankurbelung der Binnenkonjunktur könne nur über mehr Geld im Portemonnaie erreicht werden. Jung wies auf die positiven Erwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen für das Jahr 2011 hin und nannte Flaggschiffe der Branche wie die Gerry Weber AG. Jung kritisierte, dass die im Tarifvertrag 2009 eingeräumten Stellschrauben zu wenig genutzt worden seien und daher ein erheblicher Arbeitsplatzabbau stattgefunden habe. Der IG Metall Vorstand forderte neben der Entgelterhöhung die Sicherung der Arbeitsplätze. Er bekräftigte außerdem, es werde keinen Rohstoff-Tarifabschluss geben.

Wolfgang Brinkmann, Geschäftsführer der Brinkmann Gruppe und Verhandlungsführer der Arbeitgeber, warf der IG Metall Kurzsichtigkeit vor: Entgelterhöhungen könnten nur auf Basis dessen erfolgen, was in der Vergangenheit erwirtschaftet worden sei. Die Talfahrt der Branche habe lange angehalten und in der Krise zu Umsatzeinbrüchen von bis zu 25 Prozent geführt. Von den Umsätzen der Jahre 2007/2008 seien die Unternehmen noch weit entfernt. Dies hatte auch die IG Metall eingeräumt. In 2010 seien die Erträge im Vergleich zu 2009 zwar gestiegen, 2009 sei aber aufgrund der Krise das schlechteste Jahr seit langem gewesen. Relevant sei das Vorkrisenniveau der Jahre 2005 bis 2007. Ein Vergleich dieser Zahlen gebe noch keinen Anlass, von blühenden Landschaften zu sprechen. Die Unternehmen versuchten gerade die Einbrüche der Krise aufzuholen, von Überholen könne keine Rede sei.

Hinsichtlich des Arbeitsplatzabbaus erläuterte Brinkmann, dass es in der Branche einige krisenbedingte Insolvenzen gegeben habe, sich aber insbesondere die Zählweise des Statistischen Bundesamtes verändert habe: es würden nur noch Betriebe ab 50 Arbeitnehmer gezählt. Von drastischem Arbeitsplatzabbau könne keine Rede sein. Viele Unternehmen hätten das Mittel der Kurzarbeit gewählt, um Arbeitsplätze zu erhalten. Brinkmann wies darauf hin, dass auch Kurzarbeit für die Unternehmen nicht zum Nulltarif zu haben sei. Er belegte der IG Metall anhand von Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass die Entgelte nach der Krise höher seien als vorher. Diese Tatsache hatte auch die IG Metall anerkannt. Brinkmann rechnete vor, die Löhne und Gehälter seien seit 2008 um insgesamt 7 Prozent gestiegen.

Auch die übrigen Argumente der IG Metall konnte Brinkmann entkräften. Eine Ankurbelung der Binnenkonjunktur sei durch Entgeltsteigerungen nicht zu erreichen. "Ich verweise erneut auf das Stichwort der kalten Steuerprogression, nach der eher gespart als konsumiert wird. Es ist nicht Aufgabe der Tarifparteien für mehr Netto vom Brutto zu sorgen. Das ist Aufgabe des Staates." Höhere Lohnkosten aber würden die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen erheblich beeinträchtigen. Die Inflationsrate für 2010 betrug 1,1 Prozent, in 2009 lag sie sogar unter 1 Prozent. Demgegenüber sind die Löhne und Gehälter in der Textil- und Bekleidungsindustrie seit 2008 um insgesamt 7 Prozent gestiegen; gegenüber dem Verarbeitenden Gewerbe seien die Löhne und Gehälter zwischen 2008 und 2010 um 1 Prozent gestiegen.

Auf den Hinweis der IG Metall, selbst die Politik spreche sich für Tariferhöhungen aus, entgegnete Brinkmann, das Augenmerk der Politik richte sich auf die großen Motoren der Wirtschaft wie Metall, Elektro oder Chemie. Vom Boom der Textil- und Modebranche sei dabei nicht die Rede. Im Übrigen sei zu lesen, dass die Bundesregierung in ihren neuesten Konjunkturberichten für 2011 von einer Steigerung der Tarifentgelte um 2,1 Prozent und der Sachverständigenrat von einer Erhöhung um 2,0 Prozent ausgehe.

Die Arbeitgeber erklärten sich hinsichtlich der Bewältigung des demografischen Wandels gesprächsbereit. Auch den Unternehmen sei klar, dass der demografische Wandel in Deutschland in den kommenden Jahren auf den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen und die Beschäftigungssituation der Arbeitnehmer entscheidende Auswirkungen haben wird. Brinkmann schlug vor, sich zum Thema demografischer Wandel bald zusammenzusetzen und die Gespräche aufzunehmen. "Ich denke, hier liegen wir gar nicht so weit auseinander", schloss Wolfgang Brinkmann seine Ausführungen und forderte die IG Metall noch einmal zum fairen Miteinander auf, um die Betriebe nicht außergewöhnlich zu belasten.

Die IG Metall hatte in ihrer Kommunikation behauptet, die Arbeitgeber wollten in 2011 nur die bereits im Tarifvertrag 2009 vereinbarten 99 Euro geben. Michael Jung räumte heute ein, dies sei offenbar nicht so, eine Tariferhöhung sei auch im Sinne der Arbeitgeber. Brinkmann bestätigte, er könne sich ein Angebot der Arbeitgeber bereits in der 2. Verhandlung am 21. Februar vorstellen.