Durchbruch beim Textilbündnis

Neuer Aktionsplan schafft Basis für breitere Teilnahme

Verbände, Politik und Nichtregierungsorganisationen haben den Weg für eine breite Beteiligung der Wirtschaft am Bündnis für nachhaltige Textilien des Bundesentwicklungsministeriums freigemacht. Pünktlich zur Mitgliederversammlung von Südwesttextil am 22. April konnte Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer Gesamtverband textil+mode, vom Verhandlungserfolg der Bündnispartner berichten. Grundlage ist die Einigung auf einen neuen Aktionsplan, der in wesentlichen Punkten präziser und praktikabler gestaltet wurde. Dies betrifft insbesondere die Art und Weise, in der Bündnismitglieder Nachhaltigkeitsziele verfolgen und wie die Fortschritte dabei überprüft werden. Die Verbände der Textilwirtschaft haben dem Textilbündnis signalisiert, ihren Unternehmen auf dieser Basis eine Mitgliedschaft zu empfehlen.

Dem am 16. Oktober 2014 proklamierten Textilbündnis lag ein Aktionsplan mit zahlreichen Eintrittshürden zugrunde. Aus dem Verbindlichkeitscharakter des überaus ehrgeizigen Aktionsplans hätten sich für teilnehmende Firmen nicht kalkulierbare Haftungsrisiken ergeben. Begriffe und Anforderungen zu Umwelt- und Sozialstandards unterlagen einem erheblichen Interpretationsspielraum, so dass die Verpflichtungen nicht eindeutig definiert waren. Dabei wurde die Verantwortung ganz überwiegend der Wirtschaft zugeschoben, obwohl sich viele Forderungen nur im Zusammenspiel von Staaten, Wirtschaft und Zivilgesellschaft umsetzen lassen. Darüber hinaus drohten den Mitgliedern des Textilbündnisses Wettbewerbsnachteile gegenüber Mitbewerbern im Ausland: Ein deutscher Alleingang ohne internationale Einbettung konnte nicht funktionieren. Des Weiteren wurden an alle Unternehmen, ungeachtet der Größe und des Geschäftsmodells, die gleichen Anforderungen gestellt. Damit wäre der Großteil des Mittelstands nicht in der Lage gewesen, dem Bündnis beizutreten.

Die vollständige Zielerreichung mit verbindlichen Zeitzielen steht nicht mehr im Zentrum des Bündnisses. Die im Aktionsplan formulierten sozialen und ökologischen Anforderungen bieten stattdessen einen Orientierungsrahmen. Dadurch wurden wichtige Haftungsrisiken beseitigt. Nicht nur von den teilnehmenden Firmen, sondern von allen Teilnehmern des Bündnisses – also auch Gewerkschaften, NGOs, Verbände und Regierung – wird nun gleichermaßen erwartet, sich an der Realisierung der Bündnisziele zu beteiligen. In diesem Sinn wird anerkannt, dass bestimmte Ziele wie z. B. „living wages“ nur in gemeinsamer Anstrengung aller Akteure erreichbar sind und nicht von den Unternehmen alleine. Während die Fortschritte aller Bündnis- Teilnehmer von einem unabhängigen Dritten überprüft werden, werden die Gesamtergebnisse des Reviews in Form eines anonymen und aggregierten Fortschrittsberichts nach außen kommuniziert. Unkontrollierbare Negativdarstellungen in der Öffentlichkeit brauchen die Teilnehmer daher nicht mehr zu fürchten. Schließlich erkennt der Aktionsplan die Grenze des wirtschaftlich Machbaren an und akzeptiert die Ökonomie als tragende Säule der Nachhaltigkeit. Daraus abgeleitet wird ausdrücklich anerkannt, dass Unternehmen je nach Größe und Geschäftsmodell unterschiedliche Kapazitäten und Einflussmöglichkeiten besitzen, um Nachhaltigkeitsziele durchzusetzen („Mittelstandsklausel“). Außerdem will das Bündnis einen Anerkennungsmechanismus für bestehende Standards entwickeln und den Anschluss an europäische und internationale Initiativen suchen.

Kostenlos und für jedermann zugänglich ist das Bündnis deswegen noch lange nicht. Sonst wäre es auch Augenauswischerei. Zeitlicher und personeller Aufwand, Berichtspflichten und die Neustrukturierung von Geschäftsprozessen kosten Geld. Wer beim Review durchfällt, muss mit dem Ausschluss aus dem Bündnis rechnen.

Die 11 Pluspunkte des neuen Aktionsplans im Überblick:

  1. Zielverfolgung statt Zielerreichung
  2. „Bündnisgeist“ durch geteilte Verantwortung
  3. Unterscheidung zwischen individuellen und kollektiven Zielen
  4. Unabhängiger interner Review-Prozess
  5. Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit als zentrale Elemente
  6. Anerkennung „unterschiedlicher Geschwindigkeiten“
  7. Das Bündnis als Plattform für Erfahrungsaustausch
  8. Kein Risiko des „Blaming and Shaming“
  9. Einbindung branchenweit etablierter Standards und Initiativen
  10. Anerkennung unternehmensindividuellen Nachhaltigkeitsengagements
  11. Vermeidung von Wettbewerbsverzerrung