Durchs Dickicht der Ursprungsregeln

Experte Beckmännig weist Mitgliedern von Südwesttextil und Gesamtmasche den Weg

Fast täglich erreichen Südwesttextil Fragen zu den präferenziellen Ursprungsregeln. Das Interesse verwundert wenig, wenn man weiß, dass bei Erfüllung dieser Regeln im Rahmen zahlreicher Freihandelsabkommen der EU beträchtliche Zollvorteile winken.
Allerdings sind die Regeln gerade im Textil- und Bekleidungsbereich nicht einfach zu durchschauen. Zudem nimmt die Anzahl der Freihandelsabkommen und der Grad ihrer Verflechtung zu. Fehlende Kenntnis und falsche Handhabung der einschlägigen Bestimmungen können zu Fehlern führen, die den Zollbeteiligten im wahrsten Sinne teuer zu stehen kommen können. Neben steuer- und zivilrechtlichen Folgen drohen je nach Schwere des Verstoßes auch strafrechtliche Konsequenzen.
Entsprechend groß war die Resonanz auf ein Seminar zu Warenursprung und Präferenzen (WuP), zu dem Südwesttextil gemeinsam mit Gesamtmasche am 17. November nach Stuttgart eingeladen hatte. Weiterer Grund für das große Interesse war auch der Referent: Dieter Beckmänning vom Bildungs- und Wissenszentrum der Bundesfinanzverwaltung, der vielen Unternehmen als ausgewiesener Experte im Bereich der textilen Ursprungsregeln bekannt ist.

Die präferenziellen Ursprungsregeln erfordern nicht nur spezifisches Fachwissen für ihre korrekte Anwendung. Sie fließen vielfach auch in Unternehmensstrategien ein. Schließlich ist die beschaffungs-, produktions- und absatzwirtschaftliche Internationalisierung in der Textil- und Bekleidungsindustrie längst Alltag. Entsprechend heterogen setzte sich die aufmerksame Zuhörerschaft zusammen. Vertreten waren nicht nur sämtliche Stufen der textilen Kette, sondern auch Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmensbereichen – die Geschäftsleitung eingeschlossen.

Dieter Beckmänning brachte Schritt für Schritt Licht ins Dunkel des Abkommensdickichts und machte die Teilnehmer mit der systematischen Ermittlung des korrekten Warenursprungs vertraut. Neben technischen Aspekten wie dem richtigen Erstellen von Lieferantenerklärungen oder der Ausstellung von Warenverkehrsbescheinigungen wurden zahlreiche Beispielfälle behandelt, die mitunter für rege Diskussionen sorgten. Kein Wunder, denn das Regelwerk st nicht unbedingt in sich logisch, sondern von verschiedenen handelspolitischen Zielsetzungen und Lobbyinteressen durchwachsen. Prominentes Beispiel dafür ist die Diskussion um den Kantendruck.

Der Abkommensgürtel rund um die Europäische Union soll es Unternehmen erleichtern, durch arbeitsteilige Produktion in der Region – zum Beispiel im Rahmen der Lohnkonfektion in Nordafrika oder den Westbalkanstaaten – im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Waren mit EU-Ursprung können zollfrei in zahlreiche Märkte exportiert werden.
Für viele Hersteller bedeutet die Zusammenarbeit mit Partnern im Paneuropa-Mittelmeerraum immer noch – oder inzwischen wieder – eine echte Alternative zum Import aus Asien. Da der Zollsatz auf konfektionierte Waren zumeist bei 12 Prozent liegt und nach dem Import in die EU häufig weitere Grenzen – z. B. in die Schweiz – überschritten werden müssen, sind die Zollkosten für "Nicht-Ursprungsware" alles andere als vernachlässigbar. Dazu kommen längere Laufzeiten und höherer Aufwand für das Qualitätsmanagement bei der Fertigung in Asien.

Aufgrund des regen Interesses am Thema "WuP" planen Südwesttextil und Gesamtmasche für Anfang 2010 einen Workshop, bei dem Fallkonstellationen aus der Praxis diskutiert und Lösungsansätze entwickelt werden sollen.