Ein Richter im Betriebspraktikum

Südwesttext im Interview mit Arbeitsrichter Thomas Payrhuber und Dr. Tatjana Gohritz der Paul Hartmann AG

Um Arbeitsrichtern ein besseres Verständnis für die Belange der Unternehmen zu geben, hat das Justizministerium Baden-Württemberg, die Landesvereinigung Baden-Württembergischer Arbeitgeberverbände und der Deutsche Gewerkschaftsbund im Jahr 2007 ein Projekt ins Leben gerufen: das sechsmonatige Betriebspraktikum für Richter. In dieser Zeit sollen sie einen umfassenden Einblick in eine Industriefirma bekommen und dort eingehende betriebliche Erfahrungen sammeln. Die Voraussetzungen: Die Industrieunternehmen müssen eine gewisse Größe sowie einen Betriebsrat haben und sich außerhalb des Gerichtsbezirks befinden.

Im Sommer dieses Jahres konnte Südwesttextil die Mitgliedsfirma Paul Hartmann AG für dieses Projekt gewinnen. Als erstes Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie stellte der Medizinprodukthersteller aus Heidenheim dem seit fünf Jahren am Arbeitsgericht Ulm tätigen Richter Thomas Payrhuber einen Betriebspraktikumsplatz zur Verfügung. Die Hartmann-Justiziarin, Dr. Tatjana Gohritz, leitete die Maßnahme federführend. Zum Abschluss hat Südwesttext beide über die gemeinsame Zusammenarbeit befragt:

Herr Payrhuber – am 1. Juli haben Sie Ihr Praktikum begonnen. Wie kam es dazu?
Ich wurde gefragt, ob ich Interesse an einem solchen Praktikum hätte. Das konnte ich ohne weiteres bejahen: Von der Eingliederung in die Arbeitsabläufe eines Unternehmens habe ich mir einen interessanten Perspektivwechsel erhofft, der einen Blick auf die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte aus einer anderen Richtung eröffnet.

Welche Abteilungen haben Sie bei der Paul Hartmann AG durchlaufen und wie groß war Ihr Einblick in die betriebliche Praxis?
Es gibt vermutlich keine Abteilung, die ich nicht gesehen habe. Neben den eher von rechtlichen Fragen geprägten Stationen bei Personalabteilung, Betriebsrat und Patentrechtsabteilung habe ich etwa auch mal eine Kiste in der Logistik gepackt, eine Tour mit einem Außendienstmitarbeiter absolviert, das Controlling, die Steuer- und Buchhaltungsabteilung kennengelernt und auch konzernangehörige Unternehmen besucht. Hartmann war sichtlich daran gelegen, mir ein vollständiges Bild der betrieblichen Praxis zu gewähren, gleich in welcher Abteilung.

Wie stark waren Sie in die operativen Tätigkeiten eingebunden – z. B. in Human Resources?
In Human Resources habe ich alle Aufgaben übernommen, die ein Mitarbeiter dort üblicherweise zu übernehmen hat. Das reichte von klassischen Rechtsgutachten bis hin zur Ausfertigung und Expressversendung von eiligen Dokumenten. Hier wurden für mich keine Ausnahmen gemacht, worüber ich auch sehr froh war.

Hatten Sie auch regen Austausch mit dem Betriebsrat?
Der Austausch mit dem Betriebsrat hat von Anfang an reibungslos funktioniert. Zunächst wurde ich nach und nach mit den Mitgliedern der Gremien und deren „Tagesgeschäft“ ausführlich vertraut gemacht, habe rechtliche Fragen für den Betriebsrat begutachtet und an Sitzungen des Betriebs- und Konzernbetriebsrates teilgenommen.

Haben Sie von diesem Praktikum profitiert und wie hilfreich ist es für Ihre weitere richterliche Praxis?
Der erhoffte Perspektivwechsel hat stattgefunden und meinen Horizont in Fragen des gelebten Arbeitsrechts sicher erweitert. Interessant war für mich in erster Linie zu erfahren, wie die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte von den Betroffenen beurteilt wird. Hier hat insbesondere die längere Dauer des Betriebspraktikums von sechs Monaten dazu beigetragen, ein verhältnismäßig offenes Feedback von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zu bekommen – übrigens, wie ich finde, mit einem Ergebnis, mit dem die Arbeitsgerichte im Land gut leben können.

Wie praktikabel ist der von den Projektpartnern vorgegebene Ablaufplan des Praktikums? Könnte man etwas verbessern?
Der vorgegebene Ablaufplan hat sich bewährt. Er gewährleistet einerseits die Ausgewogenheit der Aufgaben, lässt aber hinreichend Freiraum zu der für jeden Betrieb „maßgeschneiderten“ Ausgestaltung der Praktikumszeit. Anfänglich dachte ich, man könnte gegebenenfalls über einen neuen Namen nachdenken, da die Vorstellung als Richter und Praktikant bei einigen Gesprächspartnern erst einmal für fragende Gesichter gesorgt hat. Letztlich bin ich aber zu der Einschätzung gelangt, dass es gerade der Praktikantentitel war, der die offene Kommunikation gefördert hat.

Können Sie dieses Projekt anderen Richtern empfehlen?
Unbedingt.

Frau Dr. Tatjana Gohritz – warum haben Sie sich für die Teilnahme an diesem Projekt interessiert?
Ich hatte bis zur Anfrage von diesem Projekt noch nichts gehört, war aber gleich von dem davon ausgehenden Signal begeistert, dass die Justiz sich auch außerhalb des Gerichtssaals für einen Austausch mit der betrieblichen Praxis interessiert.

Wie groß war der Aufwand?
Der Aufwand hält sich insgesamt im Rahmen. Natürlich muss ein Ablaufplan erstellt werden und Abstimmungen mit dem Betriebsrat und den sonstigen Abteilungen vorgenommen werden, aber das ist schließlich bei jeder Einstellung der Fall.

Haben Sie vom Austausch mit Herrn Payrhuber profitiert und konnte er Ihnen Tipps für Ihre Praxis geben?
Auf jeden Fall. Als Arbeitsrichter hat Herr Payrhuber – wenn auch aus anderem Blickwinkel – in seiner beruflichen Praxis täglich mit den Themen zu tun, die auch uns in der Behandlung arbeitsrechtlicher Fragen intensiv beschäftigen. Der fachliche Austausch konnte daher ohne Anlaufschwierigkeiten stattfinden und hat mir vor allem in den Punkten gefallen, in denen die rechtlichen Chancen und Risiken zum Teil unterschiedlich beurteilt wurden.

Können Sie dieses Projekt anderen Textilunternehmen empfehlen?
Auch wenn ich etwas länger nachdenke, fallen mir keine Nachteile ein, die das Projekt für ein Unternehmen haben könnte. Es bietet die Möglichkeit, den Richtern unsere Sicht auf die Praxis direkt vor Ort im Unternehmen näher zu bringen und das ist bestimmt eine gute Sache. Auf jeden Fall sollte dieses außergewöhnliche Praktikum noch bekannter gemacht werden, denn es ist eine einmalige Chance, der Justiz zu einem besseren Unternehmensverständnis zu verhelfen.