„Wird’s besser oder wird’s schlechter?“

Festredner Roland Koch mit einem Blick auf die deutsche Wirtschaft

„Ich möchte ein Land haben, in dem der Staat mich mit seinen Rahmen und Regeln schützt, aber nicht täglich bei der Arbeit stört“, erklärte Roland Koch in seiner Festrede.
Foto: „Ich möchte ein Land haben, in dem der Staat mich mit seinen Rahmen und Regeln schützt, aber nicht täglich bei der Arbeit stört“, erklärte Roland Koch in seiner Festrede.
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Jurist, Verband, Politik, Wirtschaft – Roland Koch, hessischer Ministerpräsident, a. D, hat alle Seiten kennengelernt und erfolgreich ausgeübt. Am 22. April war er als Festredner zu Gast auf der gemeinsamen Jahresversammlung von Südwesttextil und Gesamtmasche in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart und gab den Teilnehmern Einblicke in seine Sicht über die weitere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.

Deutschland stehe im Spannungsfeld zwischen Erfolg und Besorgnis, stellte der ehemalige Politiker zu Beginn seiner Rede fest. Man müsse sich fragen, ob es denn wirklich wahr sei, dass das deutsche Volk danach giert, dass sich viel verändert und die Politik nur blockiert. Oder sei es nicht eher so, dass wenn man die Bevölkerung befrage, die Antwort käme „jetzt macht doch mal langsam“? „Wir sind im Augenblick erfolgreich“, so Koch. Das hätte nach 2008 keiner vermutet.

Roland Koch beantwortet zum Abschluss noch Fragen aus dem Publikum
Auch das SWR-Fernsehen drehte auf der Jahresversammlung 2015
Foto: Roland Koch beantwortet zum Abschluss noch Fragen aus dem Publikum
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Foto: Auch das SWR-Fernsehen drehte auf der Jahresversammlung 2015
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Verantwortlich für diese Entwicklung sei, dass Deutschland den größeren Teil seines Geldes – ca. 30 Prozent der Wertschöpfung – mit industrieller und gewerblicher Produktion erwirtschaftet habe, anstatt, wie die französischen und britischen Nachbarn und Amerika, mit Dienstleistung und Finanzen. „Deutschland hat hier eine Alleinstellung unter den industriell entwickelten Wettbewerbern erlangt.“ Und das, obwohl auch er in seiner Zeit als Ministerpräsident in Pressekonferenzen mehr über den sichereren Anteil der Dienstleistungen gesprochen habe.

„Meine These – unvollständig und oberflächlich – wir haben zwei M’s, die das erreicht haben: Das eine M steht für Mittelstand und das andere M steht für Mitbestimmung.“ Mittelständische Unternehmen hätten nicht die Perspektive, dass die Frage, wo sie ihre Wertschöpfung betreiben, lokal völlig unabhängig sei. Sie würden global agieren, mit einer gewissen emotionalen Fürsorge für ihre Heimat. Großkonzerne dagegen dürften eine solche Verknüpfung mit der lokalen Identität nicht haben. Hier sei aber die Mitbestimmung entscheidend, denn Arbeitnehmer im Aufsichtsrat würden immer die Frage stellten, „was wird aus den deutschen Werken“.

Für Koch ist die Sozialpartnerschaft ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil von Deutschland. Die Art und Weise wie Unternehmensvertreter und Vertreter der Arbeitnehmerschaft mit einander umgingen sei außergewöhnlich.

"Bewegung ist klüger als Stillstand"

Die Rahmenbedingungen für Mittelstand und Großunternehmen schaffe die Politik – „alle nicht völlig unstrittig und auch alle nicht völlig unkompliziert“. Die Frage warum gerade soviel Gesetze zur Reglementierung beschlossen werden, resultiert seiner Meinung nach aus dem Umstand des großen Erfolgs. „Wir haben ein Maß an Sicherheit für die Menschen gefunden, das einen Umfang von Trägheit auslöst, den wir so nicht gekannt haben und den außer uns auf der Welt kaum jemand so kennt.“ Deshalb sei für die Mehrheit der Deutschen die spannendste Frage „wird’s besser oder wird’s schlechter?“ Momentan bestünde das große Problem darin, dass Politik und Wirtschaft nicht in der Lage seien, der Mehrheit der Bevölkerung plausibel zu erklären, dass die Aussichten einer Besserung mindesten so groß seien, wie die Risiken einer Verschlechterung. Wenn die Menschen aber nicht die Hoffnung hätten, dass eine Veränderung eine Verbesserung mit sich bringt, würden sie diese immer zu verhindern versuchen, wie beispielsweise die Flexibilisierung von Beschäftigung.

„Die Politik in einer demokratischen Gesellschaft steht vor der Herausforderung, Menschen klar zu machen, dass sie Risiken eingehen müssen bei denen man nicht genau beschreiben kann, in welche Richtung sie sich entwickeln.“ Ziel sei es in jedem Betrieb und in jeder Diskussion positiv zu leben, dass es mit der Veränderung ein Stück besser wird. Sonst würde Deutschland mit falschen Zukunftsperspektiven in einem sozialabgefederten Stillstand verharren, appellierte der Ex- Politiker und Wirtschaftsfachmann. Man müsse den Bürgern das Misstrauen gegenüber privatwirtschaftlichen Organisationen nehmen – eine Folge der Bankenkrise. Es bestünde ein Verlust des Vertrauens in die Regelmechanismen der Privatwirtschaft und ein ins irrationale gehende Vertrauen in die Gerechtigkeit staatlicher Institutionen.

Hier finden Sie die Rede von Roland Koch auf der Jahresversammlung am 22. April 2015