Forschung für Nachhaltigkeit

Dietenheim erhält Förderung zur Einrichtung eines textilen Reallabors

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst fördert ab 2015 mit insgesamt bis zu 7 Mio. Euro Projekte zur Einrichtung so genannter Reallabore an Hochschulen im Land. Mit dabei ist das Gemeinschaftsprojekt „Nachhaltige Transformation der Textilwirtschaft am Standort Dietenheim“ der Hochschule Reutlingen und der Universität Ulm [1]. Die Fördersumme beträgt 960 000 Euro.

„Unser Projekt verknüpft zwei Perspektiven. Einerseits geht es um die Wiederbelebung der Textilstadt Dietenheim. Andererseits steht die nachhaltige Transformation der textilen Wertschöpfungskette im Mittelpunkt“, sagt Professor Martin Müller. Der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Ulm hat gemeinsam mit dem Textilwirtschaftsexperten Professor Matthias Freise und dem Handelsfachmann Professor Jochen Strähle von der Hochschule Reutlingen den erfolgreichen Antrag verfasst. „Verwaiste Innenstadtflächen werden von regionalen Textilunternehmen genutzt, um die gesamte textile Wertschöpfungskette für den Kunden transparent und erfahrbar zu machen“, schildert Freise das Vorhaben. Die Idee: Gläserne Produktion und Design-Werkstatt arbeiten dabei Hand in Hand. Bereit stehen zur Realisierung zahlreiche mittelständische Textilhersteller aus der Region, die einen Großteil der Kette abdecken und sich – finanziert mit Eigenmitteln – eine Ansiedlung in der Dietenheimer Innenstadt vorstellen können. Die Firma Gebrüder Otto mit ihrer Garnspinnerei und -färberei ist bereits dort ansässig. Selbstverständlich für die beteiligten Firmen: die Einhaltung hoher sozialer und ökologischer Standards.

Zum Einsatz im Reallabor sind vor allem ausgewählte Bio-Materialien vorgesehen. Um weg zu kommen vom vermeintlich langweiligen, bieder-moralischen „Öko- Image“ sollen neue Vermarktungs- und Vertriebskonzepte entwickelt werden. Die beteiligten Psychologen und Medieninformatiker der Uni Ulm sollen die wissenschaftlichen Grundlagen für innovative Marketing- und Verkaufsstrategien legen – nicht zuletzt mit Hilfe neuer Medien. „Wir bauen bei der Kundenansprache beispielsweise auf eine Mischung aus Information und Emotion. Es geht ja auch darum, durch die Vermittlung eines bestimmten Lebensgefühls neue Milieus zu erschließen. Nicht nur der traditionelle ‚Öko‘ soll sich angesprochen fühlen, sondern auch die verantwortungsvolle Managerin“, so Professor Jochen Strähle von der Fakultät für Textil & Design der Hochschule Reutlingen.

Reallabore sind ein Forum für Wissenschaftler und Akteure aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Verbänden, die im Forschungsprozess zu einem nachhaltigkeitsrelevanten Thema von Anfang an kooperieren. Erleichtert wird damit die Anschlussfähigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse für Politik und Wirtschaft. Mit dem Förderprogramm nimmt Baden-Württemberg eine Pionierrolle ein, da dieser Ansatz bisher wenig verbreitet ist.

Die Förderung des Programms „Stärkung des Beitrags der Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung“ wird aus dem Innovations- und Qualitätsfonds (IQF) bereitgestellt und ist auf einen Zeitraum von bis zu drei Jahren angelegt. Beginn des Projekts, das einen Gesamtförderbetrag von 960 000 Euro erhält, ist voraussichtlich Januar 2015. Die Reallabore werden wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Zur Vernetzung der einzelnen Reallabore, auch über die Landesgrenzen hinaus, sind Konferenzen geplant, eine erste öffentliche Veranstaltung zur Vorstellung der Projekte wird es im Frühjahr 2015 geben.