Garn wird teurer

Innovation, Nachhaltigkeit und Symbiosen in der Beschaffungskette als Erfolgsfaktoren

Die Beschaffung von Garnen und innovative Entwicklungen bei den Garnqualitäten sind für die Textil- und Bekleidungsindustrie entscheidende Erfolgsfaktoren. Doch strukturelle Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten haben die Beschaffungsbasis in Europa geschmälert. Die kontinuierliche Verfügbarkeit vieler Garntypen zu günstigen Preisen ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Preisausschläge des Vorjahres haben das Problem verschärft. Auch wenn die spekulativen Spitzen bei der Baumwolle und den ihr nachziehenden Chemiefasern passé sind: Aufgrund begrenzter Ressourcen und einem steigenden Weltfaserverbrauch pro Kopf verschiebt sich das Preisniveau sowohl bei natürlichen als auch bei chemischen Fasern langfristig nach oben. Dabei entwickeln immer mehr Menschen höhere Ansprüche an Qualität und Funktion.

Diese Veränderungen stellen die Textil- und Bekleidungsbranche vor vielfältige Fragen, die weit über das allgegenwärtige Thema Preis hinausgehen. Grund genug für den Technischen Ausschuss von Gesamtmasche, sich bei seiner halbjährlichen Zusammenkunft am 15. Juni unter Vorsitz von Triumph-Gesellschafter Dieter Braun der Problematik anzunehmen. Wie sicher sind Beschaffungsquellen und die Verfügbarkeit spezieller Qualitäten? Welche Bedeutung hat der Einsatz nachwachsender Rohstoffe? Wie sieht es mit der Akzeptanz und den technischen Möglichkeiten der Substitution von Naturfasern aus? Und wie kann man dabei steigenden Kundenanforderungen gerecht werden und gleichzeitig effizient bleiben?

Gastgeber war passend zum Thema die Zwirnerei Untereggingen: Das Südwesttextilmitglied texturiert und zwirnt seit über 130 Jahren Polyester- und Polyamidgarne. ZUE-Geschäftsführer Dietmar Heck, Wolfram Daubek-Puza vom Faserhersteller Lenzing, Hans-Peter Grosch von Triumph und Albert Schatz von TWD Fibres lieferten mit ihren Impulsreferaten Stoff für eine angeregte Diskussion. "Innovationen auf der Garnstufe bieten weitreichende Potentiale für die gesamte textile Kette", meint ZUE-Chef Heck. "Aber der Preis ist oft der Hemmschuh, genauso wie die kleinen Losgrößen." Daher und aufgrund gravierender Versorgungsengpässe insbesondere bei Polyamidpolymer seien in den letzten Jahren viele gute Hersteller von der Bildfläche verschwunden. Gleichzeitig benötigen Hersteller am Ende der Kette mehr Spezialisierung: "Innovationen unserer Lieferanten bedeuten für uns Marketingideen und Verkaufsargumente", meint Hans-Peter Grosch, der aber gleichzeitig zu bedenken gibt, dass Lebenszyklus und Auftragsgrößen der Serien sinken.

Albert Schatz verweist auf die immer weiter auseinanderklaffende Konsumschere zwischen Europa und Asien. TWD setze vor diesem Hintergrund auf "Composites statt Classics" und Anwendungsgebiete wie z. B. Windräder oder Kunstrasen. Zwei Drittel der Polyamid 6.6-Produktion gingen bereits in den technischen Bereich. "Doch der weltweite Faserverbrauch steigt jedes Jahr deutlich, wenn auch nicht bei uns. Energie wird immer teurer, und es gibt Probleme bei der Polymerversorgung." Deshalb schätzt er, dass Polyester im Herbst wieder um 3 bis 5 Cent im Preis anziehen könnte, Nylon sogar um 8 bis 15 Cent. Auf langfristig hohe Preise deutet auch der kontinuierlich wachsende Faserverbrauch pro Kopf: Bis 2030 soll er sich verdoppeln, wobei die Chemiefasern deutlich stärker zulegen als die Naturfasern. "Dazu kommt die Sourcing-Konkurrenz aus dem wachsenden Bereich der Nonwovens", erklärt Wolfram Daubek-Puza. Der nachhaltige Einsatz von Rohstoffen sei daher ein Schlüsselfaktor. Dafür wünscht er sich, dass die Akteure der textilen Wertschöpfungskette wieder enger zusammenrücken: "Unser Verhältnis ist symbiotisch."

"Sich auf kostengünstige Massengarntypen zu konzentrieren, wird uns in Europa nicht weiterbringen" findet auch Detlev Rauch, Geschäftsführer des Bänderspezialisten Julius Boos, der verstärkt auf technische Anwendungen setzt. "Im Garn und in der Garnveredlung steckt eine riesige Innovationskraft - und das ist unsere Chance." Und darin sind sich die Teilnehmer einig: Dass die Branche und ihre Abnehmer schon viel zu lange nur über Preise statt über Produkteigenschaften verhandeln. "Statt einer Preis- brauchen wir endlich wieder eine Innovationsdiskussion", fasst Gastgeber Dietmar Heck zusammen.