Gerd Müller schießt daneben

Der Entwicklungshilfeminister will der Textilbranche ein weiteres Siegel verordnen

Gerd Müller

Bei dem Namen Gerd Müller hatten hierzulande nicht nur Fußballfans bislang positive Assoziationen. Der Rekordtorschütze gilt als einer der besten Stürmer des letzten Jahrhunderts, bekannt für seine schnelle Drehung auf engstem Raum, mit plötzlichem Torschuss selbst aus ungünstigster Position. Sein Namensvetter und heutiger Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung droht nun die schöne Erinnerung an den "Bomber der Nation" zu stören. Mit seiner Ankündigung, noch in diesem Jahr ein Textilsiegel einführen zu wollen, kommt der CSU-Mann, den man bisher wenig wahrgenommen hatte, zwar aus der Deckung. Zum erfolgreichen Torschuss aber wird sein Vorstoß vermutlich nicht taugen. Müller erwartet, dass die "Textilbranche" für die Produktionskette vom Baumwollfeld bis zum Bügel die vereinbarten Standards garantiere. Sonst wolle er sie zwingen, soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten.

"Für die deutsche Textil- und Modeindustrie ist das heute schon selbstverständlich", wie Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes textil+mode erklärt. Er verweist dazu unter anderem auf den schon vor Jahren geschaffenen Verhaltenskodex der Branche. Dieser Code of Conduct orientiere sich an den zehn Grundsätzen des UN Global Compact, die die Themen Menschenrechte, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung behandeln. Er berücksichtige außerdem Arbeitsschutz, Kartellrecht, Verhandlungen mit Vertragspartnern für faire Löhne sowie Berücksichtigung von Verbraucherbelangen.

Für internationale Standards gibt es eine enorme, kaum noch zu überschauende Vielzahl von Zertifizierungen, denen sich auch Textilunternehmen unterziehen. Eine international weit verbreitete stammt von der BSCI (Business Social Compliance Initiative). Sie bietet eine Grundlage für ein gemeinsames Überprüfungssystem für Sozialstandards. Kern der BSCI-Zertifizierung ist die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen. Der Nutzen eines zusätzlichen Siegels, so die einhellige Meinung in der Branche, ist deshalb fraglich.

Süffisant unkt denn auch die "Textilwirtschaft", der Einfluss des Gerd-Müller-Siegels auf die Lieferländer werde riesig sein. Andernfalls möge sich Müller doch einmal mit seinen Ministerkollegen aus Bangladesch und China zusammensetzen.

Foto: Gerd Müller