Heraus aus dem Krea-Tief!

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Da sage noch einer, mit Bekleidung sei nichts mehr zu verdienen: Inditex- Eigentümer Ortega steht seit diesem Jahr wieder an der Spitze der Reichstenliste und liegt mit seinen 70 Milliarden Euro Privatvermögen vor Bill Gates. Ich weiß natürlich: Der Chef von Zara & Co. ist ein denkbar schlechtes Beispiel, um Unternehmertum in der Bekleidung als grundsätzlich renditestark zu bewerben. Denn das Phänomen Zara ist ja einer der Gründe für die Probleme anderer und für den Paradigmenwechsel in der Mode. Ein weiterer Grund fängt za- äh zynischerweise auch mit „Za“ an. „Zwischen Zalando und Zara ist kein Platz mehr“, titelte die WELT vor wenigen Wochen anlässlich der Pleite von Wöhrl. Der Siegeszug von Online-Händlern und internationalen Ketten mache dem klassischen Modehandel in Deutschland zu schaffen.

» Eine Behandlung als König Kunde hat Seltenheitswert.«

Stimmt alles, aber … ich weigere mich, in den allgemeinen Abgesang einzustimmen. Wenn der Kunde den stationären Handel immer öfter meidet, weil die Innenstädte langweiliger werden und das Verkaufspersonal nicht empathischer, muss genau da angesetzt werden. Ideen sind gefragt. Kreativ statt Krea-Tief, lautet das Motto. Eine Behandlung als „König Kunde“ und Shopping als Erlebnis hat für viele Konsumenten mittlerweile Seltenheitswert und ist deshalb eine echte Marktnische. Manche mittelständischen Händler haben das schon erkannt. Sie wollen den Kunden „umarmen“, hegen und pflegen – und wieder mehr die Partnerschaft mit den Herstellern suchen. Hier bedarf es eines neuen Dialogs, denn in manchen Punkten sitzen Handel und Industrie im selben Boot. Stichworte sind Saisons, Anzahl der Kollektionen, Rabattschlachten etc. Südwesttextil wird sich jedenfalls für diesen Dialog engagieren.

Sicher: Alle Anstrengungen werden das Rad in Sachen E-Commerce nicht zurückdrehen. Laut der jüngsten Allensbach-Umfrage zum Einkaufsverhalten der Deutschen steht das Internet bei Bekleidung mittlerweile an erster Stelle der Rangliste der wichtigsten Einkaufsquellen. Aber auch hier gibt es Chancen. Die regelmäßige Enttäuschung, wenn Ware per Post kommt und in Größe, Farbe oder Haptik nicht den Erwartungen vom Foto im Online-Shop entspricht, kenne ich nur zu gut von zu Hause. Nicht selten heißt es dann: Morgen gehen wir in die Stadt! Dann muss der Handel aber auch etwas zu bieten haben. Die Antwort, die wir kürzlich von einer Jeans-Verkäuferin in Stuttgart hörten, ob die fehlende Größe wieder reinkommt – „Keine Ahnung“ – ist mehr denn je Harakiri.