In guten Zeiten für schlechte Zeiten vorsorgen

Direkt aus Berlin kam Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer an die Hochschule nach Reutlingen, um den Gästen der Mitgliederversammlung von Südwesttextil einen kurzen Ausblick auf die aktuellen Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft zu geben.

Ingo Kramer
Foto: Ingo Kramer

Ort und Format dieser Veranstaltung zeige, dass sich die deutsche Textilbranche wieder zu einem wichtigen Innovationstreiber entwickelt habe, eröffnete Kramer seine Rede. „Textil ist eine Industrie mit Zukunft – eine Branche, die fasziniert. Das wird hier in diesem neuen Lehr- und Forschungszentrum deutlich. Davon konnte ich mich eben beim Rundgang persönlich überzeugen.“

Nach dem ersten Quartal des Jahres 2016 stehe die deutsche Wirtschaft nach wie vor gut da – man könne auch sagen exzellent – insbesondere im internationalen Vergleich, so der Arbeitgeberpräsident. Die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt halte an und Deutschland habe mit derzeit 44 Mio. Erwerbstätigen den höchsten Beschäftigungsstand, den es jemals hatte. Aber die Politik in Berlin dürfe nicht übersehen, dass das Wirtschaftswachstum mit weniger als zwei Prozent auch schon mal besser gewesen sei. Darüber hinaus würde es von drei Komponenten beeinflusst – dem niedrigen Ölpreis, den niedrigen Zinsen und einem Export fördernden günstigen Wechselkurs – die die Unternehmer nicht beeinflussen könnten.

Wirtschaftliches Handeln ist wie Ebbe und Flut.

In guten Zeiten gelte es für schlechte Zeiten vorzusorgen, um diese zu überstehen – „davon können wir im Moment nur träumen.“ Die Politik in Berlin und im Ländle müsse daran erinnert werden, dass wirtschaftliche Dynamik jeden Tag neu erkämpft werden muss. Das gelte auch für die Tarifpolitik, die in diesem Jahr die Einkommen von insgesamt rund 11 Millionen Arbeitnehmern neu verhandle. In den letzten Jahren hätte es einen Nachholbedarf für Lohnerhöhungen gegeben, aber diese Zeiten seien vorbei. „Unsere Lohnstückkosten steigen deutlich schneller als im Ausland. Das ist ein Zeichen, dass wir einen schleichenden Wettbewerbsverlust erleiden“, warnte Kramer.

Bis 2030 werde Deutschland rund sechs Millionen Erwerbsfähige weniger haben – „vor diesem Hintergrund bringen die Flüchtlinge, die zu uns kommen, sicher nicht die Lösung, aber doch auch Chancen mit sich. Wir haben im Moment eine Flüchtlingsdiskussion, die vielen Sorgen macht, aber in einem christlichen Land Christenpflicht ist.“ Man müsse sich um die Flüchtlinge kümmern, damit sie die Chance haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 50 Prozent seien unter 25 Jahre alt und mit einem Jahr Deutschunterricht befähigt für die Berufsschule.