Industrie 4.0

Kalt erwischt oder zu heiß gekocht

Die Stichworte und Folgen der Industrie 4.0 lauten in aller Regel: neue Arbeitsformen, Produktions- und Wissensarbeit wachsen weiter zusammen, Modularisierung, Integration, Digitalisierung, Miniaturisierung und Customisation. Aber gab es das nicht schon immer? Selbst ein Zitat von Henry Ford, dessen Model T das erste am Fließband produzierte Auto war lässt uns das vermuten: „Jeder Kunde kann sein Auto in einer beliebigen Farbe lackiert bekommen, solange die Farbe, die er will, schwarz ist.“

Mitte März stellten sich die knapp 80 Teilnehmer der Veranstaltung „Industrie 4.0 – kalt erwischt oder zu heiß gekocht“ von Südwesttextil, AFBW und DITF bei Groz-Beckert in Albstadt genau dieser Frage.

In seiner Begrüßung stellte Eric Jürgens von Groz-Beckert seine Eindrücke vor, die er auf der ITMA in Mailand im November letzten Jahres zu diesem Thema gesammelt hat. Die genaue Definition des Begriffs Industrie 4.0 falle vielen noch schwer, berichtete Jürgens. Viele gute innovative Ansätze seien in der Weberei zu erkennen. Ein Hauptthema sei vor allem die Betriebsdatenerfassung und eine darauf aufbauende Prozessoptimierung.

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Die Referenten (v.l.n.r.): Eric Jürgens von Groz-Beckert, Prof. Dr. Meike Tilebein von DITF-MR in Denkendorf, Hanna Müller von der Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg und Matthias Behr von Marc Cain.

Professor Dr. Meike Tilebein zeigte in ihrer Präsentation die Potenziale und Herausforderungen von Industrie 4.0. Anhand der Stichworte und den dazu bereits durchgeführten Projekten am DITF-MR in Denkendorf konnte sie den Teilnehmern das Thema schon greifbarer vermitteln. Als Beispiel zeigte sie das Projekt „bivolino. com“. Hier werden maßgeschneiderte Hemden und Blusen im Internet hergestellt. Dafür wurde ein Algorithmus entwickelt, der anhand von fünf Messpunkten die Person so hinreichend definiert, dass mit diesen Maßen ein passendes Hemd gefertigt werden kann. Ein Beispiel für individualisierte, kundenspezifische Produktion – aber nicht im Sinne von Henry Ford.

Wie die Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg die Unternehmen und hier hauptsächlich die KMUs unterstützen kann, erläuterte Hanna Müller. Die vom Ministerium für Finanzen und Wirtschaft und zahlreichen anderen Institutionen und Verbänden ins Leben gerufene Allianz ist eine Plattform und Anlaufstelle für Fragen rund um dieses Thema.

Groz-Beckert KG
Foto: Groz-Beckert KG

Ab April plane die Allianz, den Fokus der Aktivitäten auf das sogenannte Matchmaking von Innovationspartern aus der Industrie zu legen, berichtete sie. Das Ziel dabei sei das In-Gang-Bringen von Entwicklungsprojekten entlang der Wertschöpfungskette: Zwei Partner aus der Industrie sollen zusammenfinden, um Lösungen für konkrete Problemstellungen zu erarbeiten. Dabei wolle man auch den Fokus auf das Thema Digitalisierung legen. Gemeinsam mit dem Land und der L-Bank seien auch mögliche Förderungen angedacht, die aber aktuell noch nicht spruchreif wären. Derzeit verfügbar seien die Innovationsgutscheine und die Innovationskredite der L-Bank.

Matthias Behr, Geschäftsführer Beschaffung und Fertigung bei Marc Cain, zeigte an seinem Unternehmen sehr offen und deutlich, dass Industrie 4.0 ein Umsetzungsprozess ist, der sich aus dem Geschäftsmodell ergibt. Die Produktion von Damenbekleidung „100 Prozent made in Germany“ sei die Antriebsfeder. Dabei sei die Digitalisierung eine wichtige Säule. Ein erster Schritt auf diesem Wege sei die Lieferantenanbindung via Webplattformen gewesen. Probleme bereiteten derzeit jedoch die anwendungsfreundliche Integration von Fremdsystemen. Hier fehlten Standards und Offenheit. Platzmangel in der Produktion sei ein weiteres Thema bei der Umstellung der Intralogistik.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas, wurde klar, dass das Thema kaum mehr von der Tagesordnung verschwinden wird.