Jahrhundert-Jubilare

Zeugen der Industriegeschichte: Südwesttextil-Mitglieder feierten stolze Firmenjubiläen

Gruschwitz / Die beiden Gruschwitz-Geschäftsfüherer Ditmar Schultschick und Klaus Gudat (v.l.) sind stolz auf das 200-jährige Firmenbestehen.
Foto: Gruschwitz / Die beiden Gruschwitz-Geschäftsfüherer Ditmar Schultschick und Klaus Gudat (v.l.) sind stolz auf das 200-jährige Firmenbestehen.

200 Jahre Gruschwitz Textilwerke AG

Zugegeben, der berühmteste Stern ist sicher der aus Untertürkheim. Aber es gibt noch eine Firma, die mit einem Stern weltbekannt wurde. Sie verwendete die besondere Form mit den Zacken als praktische Aufwicklung für Nähzwirn und machte das „Gruschwitz- Sternchen“ zu ihrem Markenzeichen. Heute zählt das Südwesttextil- Mitglied zu den Marktführern im Bereich der technischen Zwirne und Garne. Jetzt feierte Gruschwitz sein 200-jähriges Jubiläum.

Dabei fing alles mit einem Rausschmiss an: Weil der junge Johann David Gruschwitz sich nicht von einer Glaubensgemeinschaft lossagen wollte, setzte ihn sein Vater kurzerhand vor die Tür. So auf sich selbst gestellt, nahm der junge Mann aus dem sächsischen Vogtland sein Schicksal in die Hand und arbeitete sich am Webstuhl seiner Gemeinde zum Meister empor, bevor er 1816 im Örtchen Neusalz an der Oder im heutigen Polen seine erste eigene Leinenzwirnerei gründete. Sie war die Keimzelle der Gruschwitz Textilwerke, die über die Jahrzehnte zu einem Weltunternehmen mit zeitweise 6 000 Beschäftigten wuchsen und deren Standort heute – kriegswirrenbedingt – über 700 Kilometer vom Gründungsort entfernt liegt: in Leutkirch im Allgäu.

Dort feierte Gruschwitz jetzt mit Mitarbeitern und Freunden das 200-jährige Bestehen als ganz besonderes Fest. Eine Musik- und Theaterschule aus der Region hatte eigens für das Unternehmen und über seine Geschichte ein zweistündiges Firmenmusical geschrieben. Der Logistikbereich war gekonnt zur Showbühne umdekoriert worden – und die Vorführung wurde aufgelockert durch Talkrunden mit Nachfahren des Gründers und Vertretern der örtlichen Politik.

Ein weiterer Höhepunkt war die Verteilung einer Firmenchronik, die über zwei Jahre lang aufwändigst von den Journalisten Hildegard Nagler und Raimund Haser (mittlerweile Landtagsabgeordneter) recherchiert wurde und die jetzt auch im Buchhandel erhältlich ist. Darin wird auch die Gegenwart dargestellt, darunter die breite Angebotspalette von Aramid-Garnen für Turboladerschläuche im Auto über Garne für medizinische Implantationsnetze, schusssichere Westen oder für die Herstellung von maritimen Seilen, die viel leichter und langlebiger sind als Stahlseile. Vorstand Ditmar Schultschick: „Diese breite Basis und die Ausrichtung auf Nischen und Spezialitäten sind der Grundstein unseres Erfolges.“

200 Jahre Heinr. Otto & Söhne

Ein Grund stolz zu sein – seit mittlerweile 200 Jahren kann sich die Firma Heinrich Otto & Söhne am Markt behaupten. Im April fanden die Feierlichkeiten zum Firmenjubiläum im Garten der Galerie der Stadt Wendlingen statt. Die Gästeliste: ein gesellschaftliches Who‑is‑Who.

Der Familienbetrieb begann seine Textiltradition im frühen 19. Jahrhundert mit einer Baumwollspinnerei und war ein entscheidender Motor für die industrielle Entwicklung im Südwesten. Während noch im Jahre 1944 die Werkhallen des Unternehmens beschlagnahmt wurden, damit die Firma Daimler darin Schnellbootmotoren herstellen konnte, entwickelte sich über diese zwei Jahrhunderte die HOS Anlagen und Beteiligungen GmbH & Co. mit drei Textilunternehmen an unterschiedlichen Standorten.

Wendlingens Bürgermeister Steffen Weige zeigte sich auf der Jubiläumsfeier von der nachhaltigen Prägung der Firma für die Stadt Wendlingen begeistert: Wasserkraft, die Werksfeuerwehr, der Wohnungsbau für die Mitarbeiter und die Prägung eines ganzen Stadtviertels, noch heute erkennbar durch einige Straßennamen – all das ist auf die Firma Otto zurückzuführen. Landrat Heinz Eininger zog dagegen die Parallele zu einem anderen Unternehmen mit gleichem Namen und sagte: „Man ist fast versucht auszurufen: Otto: find‘ ich gut.“

125 Jahre Albert Ziegler GmbH & Co. KG

Mit fünf Flachwebstühlen und zehn Mitarbeitern gründete Albert Ziegler 1891 eine Firma zur Herstellung von Schläuchen und Schlauchpflegegeräten. 1953 baute Ziegler das erste Feuerwehrfahrzeug und stellte Feuerwehrschläuche aus Chemiefasern her. Im Laufe der Jahre umfasste die Produktpalette das gesamte Spektrum der Feuerwehrtechnik. Bis heute wurden in der Ziegler-Geschichte insgesamt mehr als 20 000 Feuerwehrfahrzeuge ausgeliefert und rund 60 Millionen Meter Schlauch produziert, womit sich eineinhalbmal die Erde umwickeln lassen würde. Im vergangenen Jahr wurden allein 650 Fahrzeuge weltweit ausgeliefert.

Während in früheren Jahren das Verhältnis Inland zu Export bei 60 zu 40 lag, so liegt der Exportanteil unterdessen bei rund 50 Prozent. Der Marktanteil von Ziegler- Fahrzeugen in Deutschland selbst liegt aktuell bei 35 Prozent. Im Vergleich zu früher ist die Firma zunehmend international ausgerichtet, vor allem der asiatische Raum gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dies liegt vor allem daran, dass die Giengener Firma nach der Insolvenz 2011 im Jahr 2013 von dem chinesischen Großkonzern CIMC gekauft wurde.

Auch in Zukunft scheint es mit der Firma weiter bergauf zu gehen: Im ersten Halbjahr lag der Umsatz bei bereits über 30 Millionen Euro über dem Wert zum selben Zeitpunkt im Vorjahr. Es wird dieses Jahr insgesamt ein Umsatz von 208 Millionen Euro angestrebt. Somit ist Ziegler mit seinen rund 1 200 Mitarbeitern, 125 Jahre nach Firmengründung, nicht nur ein international führender Anbieter von Feuerwehrfahrzeugen und feuerwehrtechnischem Zubehör, sondern auch Marktführer in Deutschland. Zur Jubiläumsfeier wurden 3 000 Gäste erwartet.