Kleines Molekül - große Wirkung

Die gemeinsamen Aktionen der Verbände bezüglich der TA-Luft waren erfolgreich

Formaldehyd ist sowohl ein allgegenwärtiger Naturstoff als auch eine weltweit in vielen Millionen Tonnen synthetisierte Grundchemikalie. Zudem will das kleine Molekül so gar nicht in die gängige „Schablone“ der Gefahrenbewertung passen. Jahrzehntelange Diskussionen zwischen Fachleuten und Dutzende von Studien zeigen bis heute kein eindeutiges Bild. Selbst der menschliche Organismus produziert täglich ca. 50 ppm Formaldehyd und besitzt sogar ein körpereigenes Enzym für dessen Abbau. Der mit Abstand größte Formaldehyd-Emittent ist der Wald.

Trotz dieser Sachlage ist Formaldehyd von den Reach-Gremien im Juni vergangenen Jahres im Rahmen von REACH-CLP mit Schwellenwert als krebserregend 1 B neu eingestuft worden – für einen krebserregenden Stoff eher selten. Diesen Vorschlag hat Deutschland stark unterstützt, ohne jedoch vorher ausreichend die weitreichenden Folgen dieser Einstufung beachtet zu haben.

Speziell in Deutschland wäre unmittelbar 16 Tage nach der Entscheidung und Veröffentlichung der Neueinstufung durch die EU-Kommission im EU-Amtsblatt laut Bundesemissionsschutzgesetz ein nicht zu realisierender Wert von 1 mg/m³ in der Abluft gültig gewesen. Dies hätte bei konsequenter Umsetzung durch die Überwachungsbehörden zu einem kompletten Produktionsstopp der gesamten deutschen Industrie, der Stromerzeugung durch Biogasanlagen, Kraftwärmekoppelung mit Erdgas, Lebensmittelproduktion u.v.m. geführt. Kleines Molekül – große Wirkung!

Seit April letzten Jahres haben die textilen Landes- und Fachverbände gemeinsam mit dem Gesamtverband textil+mode, der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und dem BDI in Berlin sehr konzentriert an dem Themenkomplex Formaldehyd gearbeitet. Der VTB, Südwesttextil und Gesamtmasche waren dabei die treibenden Kräfte aus Süden und erarbeiteten u. a. ein entsprechendes Informationspapier für Bundestagsmitglieder und informierten mit fachspezifischen Vorträgen die Wirtschaftsund Umweltministerien in Baden- Württemberg und Bayern, um die Problematik vollumfassend aufzuzeigen.

Die Aktionen blieben nicht folgenlos. Nach der Aussetzung des Vollzuges der neuen TA-Luft durch die Überwachungsbehörden und der Verschiebung der CLPUmsetzung in das Jahr 2016 zeichnet sich jetzt ab, dass die bisherigen TA-Luftgrenzwerte für die Textilindustrie und weiterer Industrien unangetastet bleiben.

Gleichzeitig wurde seit Juni 2014 frühzeitig auf weitere Folgen, z. B. im Arbeitsschutz, Innenraumluft, Abfallentsorgung, die Verknüpfung mit der Biozidverordnung und Verbraucherprodukten sowie auf weitgehend fehlende Alternativstoffe in allen Gremien aufmerksam gemacht. Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass diese Einschätzung richtig war. Speziell beim Arbeitsschutz zeichnet sich auf europäischer Ebene eine größere Diskussion ab. Frankreich, die im Reach-Prozess für Formaldehyd verantwortliche Nation, wird Anfang 2016 einen Vorschlag mit voraussichtlich sehr niedrigen Grenzwerten vorlegen, die deutlich von den aktuellen Werten der EU abweichen.

Auch ein generelles Restriktionsdossier für Formaldehyd ist bei der ECHA in der Evaluierungphase. Diese Absicht würde aber dem aktuell laufenden Verfahren nach REACH Art 68/2 – einer „Reach- Schnellregelung“ – den textilen Verbraucherprodukten entgegenstehen. Sie sieht für Formaldehyd nur einen einheitlichen Grenzwert vor. Das würde die bisher in der Textilindustrie sehr gut funktionierende Differenzierung nach Produktklassen, wie sie z. B. beim Ökotex-Standard seit langem Praxis ist, aufheben und wäre ein großer Rückschritt für Verbraucher und Industrie. Es bleibt also spannend.