Kostenexplosion bei den Netzentgelten

Energie-Tag: Viele Unternehmen fürchten den finanziellen „Blackout“

Michael Engelhardt referierte über die politischen Aktivitäten des Gesamtverbands t+m und des BDI in Berlin
Foto: Michael Engelhardt referierte über die politischen Aktivitäten des Gesamtverbands t+m und des BDI in Berlin

Anfang November veranstalteten die beiden Textil- und Bekleidungsverbände VTB und Südwesttextil in Kooperation mit der AFBW und den Papierverbänden VPI aus Baden-Württemberg und BayPapier aus Bayern in Ulm den Energietag. Die Veranstaltung war mit herausragenden Referenten und Vorträgen gespickt. Und gleich eine Bemerkung vorweg: Das Thema Energiekosten ist und wird für immer mehr Unternehmen existentiell bedeutend.

Zum Auftakt navigierte Jörg Scheyhing, Geschäftsführer der Energie Consulting GmbH (ECG), die Teilnehmer durch die vielen gesetzlichen Änderungen der besonderen Ausgleichsregelungen des EEG und insbesondere durch den Dschungel bezüglich der EEGUmlageregelungen bei Eigenstromversorgung. In diesem Bereich wird sich mit dem EEG 2017 so einiges ändern. Beispiel: Wer seine KWK Altanlage erweitert oder modernisiert, muss als Unternehmen dringend die Neuerungen und Fristen prüfen, um nicht in einige teure EEG-Fallen zu steuern.

Die Diskussion unter den Teilnehmern zeigte, dass neben der auf 7 Cent/kWh zusteuernden EEG-Umlage die Netzentgelte ein weiterer wahrer Kostenexplosions- Motor im Strommarkt geworden sind. Zum einen hat der Übertragungsnetzbetreiber Tennet die Preise um ca. 70 Prozent erhöht, zum anderen werden in industrieschwachen Regionen die Unternehmen von den Versorgungsnetzdienstleistern nun mit extremen Kosten belegt. So führte Manfred Brückel, Geschäftsführer der Papierfabrik Pfleiderer in Teisnach, in seinem Vortrag aus, dass das Unternehmen zukünftig allein 225 000 Euro mehr Netzentgelt im Jahr zu bezahlen hat. Bei einem Umsatzvolumen von 48 Millionen Euro und härtestem Preiswettbewerb geht es in diesem Unternehmen sprichwörtlich ans „Eingemachte“, und das ist kein Einzelfall.

Stefan Thumm, Südwesttextilund VTB-Umwelt-Koordinator, merkte in der Diskussion an, dass eine Entlastung bei den Netzentgelten wohl überhaupt nicht in Sicht ist, da auch die sogenannten Redispatch-Kosten (unter Redispatch sind Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken zu verstehen, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen) für die Stromnetzstabilisierung mit einer Steigerung von ca. 250 Prozent von 2014 auf 2015 völlig aus dem Ruder laufen.

Absehbar bewegen sich diese Redispatch-Kosten, wie Michael Engelhardt, Energiereferent des Gesamtverband t+m, Berlin, berichtete auf 5 Mrd. Euro pro Jahr zu. Engelhardt referierte über die politischen Aktivitäten des Gesamtverbands und des BDI in Berlin. Ein kleiner Lichtblick sind die zukünftigen Härtefallregelungen für einige Unternehmen, deren Stromintensität zwischen 14 und 17 Prozent Bruttowertschöpfung liegt. Derzeit seien nur 4 Prozent der Unternehmen EEG-befreit und man arbeite auf allen Ebenen, dass die Finanzierung der Energiewende, deren Kosten sich mittlerweile auf 30 Mrd. Euro jährlich zubewegen, nicht zum existentiellen Fiasko für den Standort Deutschland werde, so Engelhardt. Wird die EEG-Umlage weiter steigen und ein von Engelhardt prognostiziertes Szenario von 9-10 Cent/kWh EEGUmlage in 2025 wahr, wäre dies für Niemanden mehr tragbar.

Positives berichteten Björn Athmer, Energiereferent an der IHK München, und Dr. Serfain von Roon, Forschungsstelle für Energiewirtschaft, in ihren Referaten von den Erfahrungen in den von der Bundesregierung angestoßenen Energienetzwerkinitiativen. Vor allem die Idee, Auszubildende als Energiescouts in den Betrieben einzusetzen und neben Energieeinsparung auch gleichzeitig eigenverantwortliches Handeln zu trainieren bzw. auch die Bindung an das Unternehmen zu erhöhen, besticht.

Konterkariert werden diese Aktivitäten, wie Energie-Experten aus unserem Mitgliederbereich bemerkten, wenn durch diese Einsparungen sich Unternehmen aus dem Bereich der EEG-Befreiung befördern. Dies könne nicht im Sinne des Erfinders sein. Wer seine Hausaufgaben macht, dürfe nicht bestraft werden, so die einhellige Meinung der Teilnehmer.

Der jetzige Ansatz, die Energiewende zu bewältigen, ist voll von Zielkonflikten, und die Energiewende verfehlt immer mehr ihre Ziele, wie kürzlich auch „Die Welt“ titelte.

Wie seit langer Zeit maßgeblich von den Textilern gefordert, ist es die Aufgabe der Politik, die Energiewende endlich auf eine grundsätzlich andere Finanzierungs- und Systemplattform zu heben, um die wirtschaftliche Überforderung aller Bürger und Bürgerinnen und der Unternehmen noch abzuwenden, auf die wir mit dem jetzigen System trotz aller bisherigen Korrekturen weiter zusteuern.