Kritische Freunde

Vertreter aus den Gremien des Landesverbands der baden-württembergischen Industrie (LVI) trafen sich unter Leitung von LVI-Präsident Dr. Hans-Eberhard Koch Ende Februar zu einem Gedankenaustausch mit Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

Zentrale Themen waren die aktuelle Novellierung des Landeshochschulgesetzes, die Qualitätssicherung an Hochschulen sowie die Themen Fachkräftesicherung und Fragestellungen der Innovationspolitik.

Zunächst berichtete die baden-württembergische Wissenschaftsministerin über das neue Eckpunktepapier der Landesregierung zur Weiterentwicklung der Leitungsstrukturen der Hochschulen, insbesondere des Hochschulrats, welches vom Kabinett beschlossen wurde. "Der Hochschulrat soll sich dabei auf seine Rolle als kritischer Freund der Hochschulen konzentrieren und die wichtige Brücke zwischen Hochschulen und Gesellschaft schlagen", sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Sie unterstrich: "Erklärtes Ziel ist eine Stärkung und klare Abgrenzung der Verantwortlichkeiten der Leitungsgremien an den Hochschulen."

Zu diesem Zweck solle der Hochschulrat von Detailfragen des akademischen Betriebs entlastet werden, erklärte Bauer. Gleichzeitig lege die Landesregierung Wert auf eine Stärkung des Senats in seiner Zuständigkeit für die akademische Selbstbestimmung.

In dem Eckpunktepapier werde zudem eine deutlichere Abgrenzung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Gremien sowie die Erhöhung der Transparenz und die Ermöglichung stärkerer Partizipation befürwortet, sagte die Wissenschaftsministerin weiter.

Im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst werde gerade das Programm "Hochschule 2012" vorbereitet. Dafür werden regionale Workshops eingerichtet, zu denen die Ministerin die Industrievertreter herzlich einlud. Mit dem Programm "Hochschule 2012" wurde der Ausbau der Bachelorstudienplätze vollzogen, nun soll der Masterausbau folgen, um den besten Absolventen eine weiterführende berufliche Perspektive zu geben. Rund 70 Prozent der Masterplätze sollen an den Universitäten entstehen und die geringeren Anteile an den Dualen Hochschulen und den ehemaligen Fachhochschulen. Der Anteil an naturwissenschaftlichen Fächern werde sicherlich höher sein als in den Sozial- bzw. Geisteswissenschaften.

Mit einem klaren Bekenntnis zum Bolgona-Prozess machte Bauer auch deutlich, dass hier eine Nachbesserung erforderlich sei. Gleichzeitig solle auch die Entwicklung von berufsbegleitenden bzw. Weiterbildungsmasterstudiengängen forciert werden.

Auf die Frage nach der nach wie vor hohen Anzahl von Studienabbrüchen, vornehmlich im naturwissenschaftlichen Bereich, verwies die Ministerin auch auf falsche finanzielle Anreize, die der Bund Hochschulpakt für die Universitäten und Hochschulen gesetzt habe. Hier werde die Finanzierung der Hochschulen an die Studienanfänger gekoppelt und nicht an die Zahl der Absolventen. Die Landesregierung wolle deshalb korrigierend einwirken.

Statistische Untersuchungen zeigen eine nachlassende Innovationsdynamik im Land. Ministerin Bauer erkundigte sich bei den Unternehmen nach den Gründen und deren Einschätzung. Die anwesenden Industrievertreter machten dafür statistische Ungenauigkeiten verantwortlich, denn viele Innovationen fänden in kleinen und mittelständischen Betrieben statt. Sie forderten außerdem die Einführung der steuerlichen Forschungsförderung.

Ministerin Bauer unterstützte die Forderung und verwies auf eine Abstimmung im Bundesrat, bei der sich Baden-Württemberg und Bayern dieser Forderung angeschlossen haben, sich aber nicht durchsetzen konnten.

LVI-Präsident Hans-Eberhard Koch plädierte abschließend für die Wiedereinführung des Innovationsrats, um wichtige Herausforderungen und zukünftige Fragestellungen für den Innovations- und Technologiestandort Baden-Württemberg gemeinsam mit der Landesregierung zu diskutieren. Die Politikerin nahm auch diesen Vorschlag wohlwollend auf und verwies in diesem Zusammenhang jedoch auf die Zuständigkeit des Ministerpräsidenten.

Beide Seiten bekräftigten, dass der offene und sachorientierte Gedankenaustausch fortgesetzt werden solle.