Künstliche „Gebärmutter“

Textile Therapie für Frühchen

Die Hohenstein Forscher des Fachbereichs Hygiene, Umwelt & Medizin, unter Leitung von Prof. Dr. Dirk Höfer, entwickeln im Rahmen eines vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Forschungsprojekts zusammen mit der Beluga-Tauchsport GmbH (Scheeßel) und der M. Zellner GmbH (Michelau in Oberfranken) ein „Smart Textile“ − einen „künstlichen Uterus“ für die sensorische Therapie frühgeborener Babys.

Rund 50 000 Frühgeborene kommen jährlich in Deutschland zur Welt. Zum Teil müssen sie über Wochen und Monate in Säuglings-Brutkästen, den sogenannten Inkubatoren, intensiv medizinisch betreut werden. Seit langem ist jedoch bekannt, dass den unreifen Babys dabei die räumliche Begrenzung und die pränatalen sensorischen Reize durch die Gebärmutter (Uterus) fehlen. Dieser Mangel kann zu erheblichen Spätfolgen bei den Frühchen führen: Bei vielen Kindern kommt es im Laufe der weiteren Entwicklung zu sensorischen und motorischen Defiziten, die therapiert werden müssen. Ein textiler „künstlicher Uterus“ soll nun die mütterliche Umgebung und Reizstimulation in einen Inkubator übertragen.

Die Anforderungen an ein solches Medizinprodukt sind hoch. So müssen zunächst über textile Materialeigenschaften wie Haptik, Elastizität und Widerstand die Bedingungen der Gebärmutter realitätsnah nachgeahmt werden. Hierzu ist die Auswahl von Fasermaterial und Flächenherstellung gezielt aufeinander abzustimmen. Zugleich wird der „künstliche Uterus“ mit Hilfe eines motorischen Textilaktuators die sensorischen, motorischen und Gleichgewichtsreize vermitteln, um die Reifung des kindlichen Gehirns zu fördern. Diese frühen Wahrnehmungserfahrungen sind lebenslang prägend und für die senso-motorische Entwicklung frühgeborener Kinder enorm wichtig.

Aus medizinischer Sicht sollten den Frühchen die Sinneseindrücke des Uterus unmittelbar nach der Frühgeburt angeboten werden. Kindern, die zu früh zur Welt kommen, fällt es oft schwer, sich im Raum zu orientieren, ihre Muskelspannung anzupassen und komplexe Bewegungsabläufe durchzuführen. Die Forscher gehen in ihrem Projekt sogar einen Schritt weiter und integrieren zugleich den Herzschlag der Mutter in den „künstlichen Uterus“. Denn auch die Stimme und der Herzschlag der Mutter haben bekanntermaßen eine beruhigende Wirkung auf das Frühgeborene und stimulieren zugleich dessen Entwicklung. Derzeit befinden sich am Markt keine Medizinprodukte für Säuglings-Inkubatoren oder Lagerungshilfen, die eine sensorische Integrationstherapie ermöglichen. Der „künstliche Uterus“ ist damit der erste Textiltherapeut seiner Art, denn Inkubatoren bieten bislang ausschließlich gleich bleibende Temperatur, die notwendige Luftfeuchtigkeit und Sauerstoffsättigung.

Bereits im nächsten Jahr soll ein erster Prototyp in der Praxis mit Neonatologen, auf die Behandlung von Frühgeborenen spezialisierte Mediziner, erprobt werden.