„Unser“ Professor: Teil einer Deutschland-Premiere vor 3 Jahren

Martin Luccarelli blickt auf den Start seiner Stiftungsprofessur zurück.

Dr. Martin Luccarelli erklärte Rebekka Rüth eines der vielen Projekte des Studiengangs.
Foto: Dr. Martin Luccarelli erklärte Rebekka Rüth eines der vielen Projekte des Studiengangs.

„Wenn man an Reutlingen denkt, denkt man nicht an Industriedesign“ – so dachte Martin Luccarelli und bewarb sich trotz eines Angebots aus den USA, wie er sagte, „sportlich“ an der Hochschule Reutlingen für die von Südwesttextil ausgeschriebene Stiftungsprofessur. Von der Junior-Professur in Bozen zu einer W3-Professur, aus seiner Perspektive ein zu hoher Karrieresprung für den damals 34-Jährigen.

Martin Luccarellis Weg nach Reutlingen begann im Jahr 2000 mit einem Industriedesignstudium am Polytechnikum in Mailand, anschließend ging es für den gebürtigen Italiener für Clarion nach Japan. Dort arbeitete er in einem internationalen Team und realisierte, was es heißt, europäisch zu sein. Nach Abschluss des Projektes war für ihn klar, dass es zurück gehen sollte – egal wohin, doch auf jeden Fall nach Europa. So verschlug es ihn nach Stuttgart zum Konstruktionsbüro SL Rasch. Schon während seiner Industriezeit als Designer strebte er eine Tätigkeit in der Hochschullehre an, um von jungen Studierenden kreative Impulse zu bekommen. Bereits damals bewarb er sich „sportlich“ auf eine Junior-Professur für Industriedesign und bekam eine Stelle in Bozen. Als Sohn einer Familie von Professoren und Lehrern, in der jeder immer alles besser weiß, habe er nie geglaubt, einmal selber in diesem Beruf zu landen.
Nach einiger Zeit des Pendelns zwischen Stuttgart und Bozen, widmete er sich schließlich ganz der Forschung und Lehre und entschloss sich, für eine Promotion in Kooperation mit den Ingenieuren der Universität Bozen. „Promotion im Design ist wie vom Teufel sprechen und dann auch noch mit Ingenieuren. Für meine Kollegen war ich der Feind“, lacht Martin Luccarelli und erzählt etwas verschmitzt, dass viele seiner Design-Kollegen nach einer Gesetzesänderung in Italien im Nachhinein nun doch noch promovieren müssen und Forschung mittlerweile überall großgeschrieben wird. Bereits in seiner Promotion spielte Interdisziplinarität eine Rolle, da er Parameter entwickelte, die Ingenieure in der technischen Entwicklung unterstützen, die Zusammenarbeit zwischen Designern und Ingenieuren erleichtert wird. In diesen Anfängen seiner Forschung liegt auch der Grund warum er sich für Reutlingen und gegen eine Greencard entschied.

In Reutlingen angekommen, war seine Professur angekoppelt an den Master Interdisziplinäre Produktentwicklung. Aktivitäten im Bereich Industriedesign gab es bislang keine, aber seine Aufgabe war es, einen neuen Ansatz an der Hochschule zu verfolgen – die Interdisziplinarität.

Für interdisziplinäres Arbeiten muss zunächst ein Verständnis für die anderen Herangehensweisen aufgebaut werden. Das Trio – Martin Luccarelli der Designer, Torsten Textor der Chemiker und Klaus Meier der Ingenieur – hat also drei aufregende Jahre hinter sich. In Deutschland ist Reutlingen die erste Hochschule, die so spezifisch einen interdisziplinären Studiengang ausruft.
Bereits jetzt verzeichnen der Studiengang und das Lehr- und Forschungszentrum für Interaktive Materialien (LFZ IMAT) ein starkes Interesse der Industrie. Die Herangehensweise wird als innovativ und ungewöhnlich wahrgenommen, weil sie entgegen des Trends der Spezialisierung ist.

Ende Januar gibt es eine Projektbörse (siehe Infos in der vernetzten Nachricht), in der Studierende und Unternehmen zusammengebracht werden. Besonders stolz ist Martin Luccarelli auf die Präsentation des aus dem Projekt „Bionic Workplace“ entstandenen smarten Handschuhs auf der Hannover Messe, da die Studierenden ihr Funktionsmuster bis zur Prototypenreife entwickeln konnten. Sein aktuelles Forschungsprojekt mit der Ettlin AG ist wiederum das erste Vorhaben, in dem die Interdisziplinarität tatsächlich die Basis für die Innovationsentwicklung ist. Zuvor waren Projekte immer in einer bestimmten Nische verankert gewesen und daher durch eine Disziplin dominiert. Luccarelli erinnert sich an das Zustandekommen des Projektes und freut sich sehr, dass Ettlin-Chef Dr. Oliver Maetschke bei einem Termin einfach dazukam und erklärte, mit ihm forschen zu wollen.

Bei den Erzählungen über die Entwicklung des Studienganges wird eines klar: Martin Luccarelli liegen seine Studierenden sehr am Herzen. So setzt er sich dafür ein, dass langfristig mit verschiedenen Universitätspartnern eine Promotion für die Studierenden ermöglicht wird. Darüber hinaus fördert er bei seinen Studierenden den Blick über den Tellerrand und engagiert sich für internationale Kooperationen. Gerade arbeitet er mit seinen Kollegen an der Einrichtung eines Klick-Labors. Langfristig sollen die Studierenden hier die Möglichkeit haben zu experimentieren und neue Bearbeitungsmöglichkeiten für Materialien zu finden. Das Einzige, was ihn stört, ist die Bürokratie, die ihm oftmals Steine in den Weg legt, wenn es um die Finanzierung von Projekten und die Umsetzung von Ideen geht. Langfristig gelingen Innovationen besser, wenn benötigte Ressourcen effizient eingesetzt werden.

Persönlich fühlt sich Martin Luccarelli zurück im Ländle sehr wohl mit seiner Familie. Frisch in Baden-Württemberg, damals noch in Stuttgart, habe er mit seinen Freunden viel über Reutlingen und besonders über die Witze des Comedians Dodokai gelacht. Die Rückkehr sei für ihn dann sehr familiär und schön gewesen. Nun sind drei Jahre vergangen – angefühlt habe es sich aber eher wie ein Jahr. Er beobachtet, dass Baden-Württemberg sehr lokal aufgestellt ist: „Hier gibt es alles: gutes Essen, schöne Landschaft, tolle Firmen – man ist gerne hier. Aber man muss sich auch öffnen.“ An der Hochschule schätzt er die Kollegialität im Team und die kurzen Wege zur Problemlösung. Trotzdem kommt er oft genug erst abends dazu, sich an weitere Forschungsanträge zu setzen: „Wir sind noch im Tunnel, aber wir sehen schon ein bisschen Licht.“