Mega-Verfahren „Sevilla-Prozess“ – wir sind dran

Mitte Juni 2018 soll für die europäischen Textiler die heiße Phase des drei Jahre andauernden Sevilla-Prozesses beginnen. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. In den letzten Monaten wurden die nationalen Vorarbeiten der Textilverbände zu diesem Mega-Verfahren geleistet und sind nun weitgehend abgeschlossen.

Der Sevilla-Prozess überarbeitet regelmäßig BVT (Best-Verfügbare-Technologien)-Merkblätter für die verschiedenen Industrien bzw. Anlagen, die der europäischen IED (Industrie-Emissions-Direktive) unterliegen. Nachdem nun die BVT-Merkblätter für die Textilindustrie in die Jahre gekommen sind, steht ein Review-Prozess an, um sie an den technischen Fortschritt anzupassen. Dieses EU-Verfahren ist insbesondere für die Textiler in Deutschland relevant, da die darin beschriebenen Technologien, Grenzwerte etc. von den Behörden insbesondere zur Anlagen-Genehmigung usw. als Richtschnur herangezogen werden, auch wenn viele BVT-Schlussfolgerungen keinen eigentlich gesetzlichen Charakter haben.

Für die EU-Textiler wird das nun neu ins Rollen kommende Verfahren alles andere als eine Routineveranstaltung, denn die Textilindustrie ist abermals die Pilotindustrie für ein nun wesentlich erweitertes und bisher in diesem Umfang noch nie dagewesenes Sevilla-Prozedere. Neu ist vor allem, dass nach Willen der Umweltbehörden der Geltungsbereich der bisher in der europäischen IED gefassten Anlagen im Bereich der Vorbehandlung und Färberei nun auf Anlagen im Ausrüstungsbereich ausgedehnt werden soll. In Deutschland sind die bisher in der IED gefassten Anlagen auch unter dem Begriff der 10.10er Anlagen aus der TA-Luft bekannt, von denen es in Deutschland nur noch etwa 40 Stück bzw. in Bayern sieben und Baden-Württemberg nur noch fünf gibt. Im Vergleich zu den tausenden IED-Anlagen, z. B. Großfeuerungsanlagen, eine vergleichbar geringe Zahl.

Aus fachmännischer Sicht betrachtet lässt diese Absicht der Umweltbehörden, die Ausrüstungsanlagen einzubeziehen, den Sevilla-Prozess geradezu inhaltlich explodieren, denn textile Ausrüstung ist heute in einer Querschnittsindustrie, die in Deutschland vor allem verschiedenartigste technische Textilien herstellt, ein fast endlos weiter Begriff. Ob das jedem auf Seiten der Umweltbehörde bewusst ist?
Es geht um sehr viel mehr Prozesse, Verfahren und Artikel, als das gängige Bild bei den Umweltbehörden, das wohl kaum mehr als einen Imprägnier-Foulard mit nachgeschaltetem Spannrahmen (10.23er Anlage) umfasst, widerspiegelt. So droht die Gefahr, dass die Gesetzgebung völlig überladen wird und diese sehr schnell multipel in anderen Industrie BREFs (Best Available Techniques Reference), wie z. B. bei der textilen Beschichtung im Lösemittel-BREF landet. Was gilt dann bzw. ist die Gesetzgebung überhaupt noch eindeutig und umsetzbar? Zweifelsfrei unterliegen diese Anlagen doch schon den sehr strengen deutschen Gesetzgebungen, wie der TA-Luft, dem Anhang 38 bezüglich des Abwassers u.v.m.

Können allgemeine Key Environmental Issues (KEI) anhand der Wollveredelung für alle anderen Fasern von Polyester über Baumwolle bis zu den Aramidfasern und deren multiplen Veredlungsprozessen treffend abgeleitet werden? Wohl eher nicht, sondern es bräuchte bei dieser Vorgehensweise noch ein paar Dutzend Ricardo-Studien mehr, das Stück für ca. 200 000 Euro, die für die jeweils verschiedenen Fasern und deren Veredlungsgänge die KEI herausarbeiten. Zudem müssten die Studien dann auch den Stand der Technik abbilden.

Ein weiteres Sevilla-Feature ist das im März 2018 in Helsinki von den Umweltbehörden gestartete HAZBREF-Projekt (Identification of hazardous chemicals in the IED BREFs), das dem Sevilla-Prozess Vorschläge etc. zuliefern soll. In einer Sitzung in Berlin im April 2018 stellte das deutsche Umweltbundesamt (UBA) die Arbeitspakete des Projekts den Umweltexperten der textilen Verbände unter dem Dach des Gesamtverbands textil+mode vor. Vor allem die enge Verknüpfung des Sevilla-Prozesses mit REACH ist das Ziel dieses Projektes.

Die Pilotindustrie für das HAZBREF-Projekt ist abermals die Textilindustrie. Beim Thema REACH werden nicht nur immer mehr Textiler hellhörig, sondern zunehmend setzt sich aufgrund der mangelnden Zielerfüllung des REACH-Systems bzw. der vielen Kollateralschäden die Erkenntnis in der Industrie durch, dass REACH ein Fehlschlag für die EU wird. Allein das noch immer andauernde nationale Chaos um die REACH/CLP-Neueinstufung beim Formaldehyd aus dem Jahr 2014 sollte für dieses Projekt schon ein schlechtes Beispiel genug sein. Daher stellt sich auch bei HAZBREF die Frage, ob das Projekt sinnvoll sein kann. Doch HAZBREF wartet mit noch mehr Ungereimtheiten auf und ist z. B. mit dem Ziel gekoppelt, den Schutz der Ostsee voranzutreiben. Viele Teilnehmer am HAZBREF-Projekt bzw. Ostsee-Anlieger-Staaten, wie Finnland, Schweden, Dänemark etc. haben gar keine Textilanlagen (mehr), die der EU-Industrie Immissions-Direktive (IED) unterliegen. Also verbleibt das EU-Land Polen mit ein paar IED-Textil-Anlagen, da auch Ostdeutschland keine hat. So verwundert es doch, dass neben dem deutschen UBA in Dessau auch das Umweltamt von Schleswig-Holstein im Projekt mit NGO’s und Co ist. Auch in diesen Landesgrenzen gibt es keine IED-Anlage. Dieser „nichtbetroffene“ Kreis wird also dem Sevilla-Prozess Ratschläge über BVT unserer Industrie erteilen...

Fachlicher und repräsentativer wird das zu erwartende Ergebnis aufgrund all dieser Tatsachen, das dann für ganz Deutschland und Europa gelten soll, eher nicht. Auch der Zeitrahmen des HAZBREF-Projektes passt nicht zum Sevilla-Prozess, denn das Projekt läuft drei Jahre und bis dahin muss der Sevilla-Prozess schon abgeschlossen sein. Daher möchte man in einem Jahr Teilergebnisse nach Sevilla liefern. Ob das die Qualität der Vorschläge erhöht? Alle anderen Aspekte und Ziele des HAZBREF-Projektes (Emissionen, Arbeitsschutz etc.) werden bereits geregelt bzw. werden gerade durch REACH durcheinandergebracht. Irrungen und Wirrungen, und keinem der Umweltexperten aus den deutschen Textilverbänden erschließt sich die Sinnhaftigkeit dieses Projektes.

Insgesamt sind die initialen Positionen, die von den Textilverbands-experten unter dem Dach von t+m abgestimmt wurden, sehr eindeutig. Verglichen mit der Position des deutschen UBA liegen sie jedoch Lichtjahre auseinander. Die generelle Befürchtung der Verbandsexperten ist, dass ein mit allerhand Projekten überfrachteter und sowieso schon sehr umfangreicher Sevilla-Prozess am Ende zu einer Gesetzgebung führt, die nicht mehr umsetzbar ist bzw. die Dinge verschlimmbessert. Sie mit fachlichem Input und sinnvollen Lösungsansätzen in die richtige Richtung voranzubringen, daran arbeiten die textilen Verbände gemeinsam mit Partnern aus der Industrie, wie beispielsweise am ZLD-Ziel (Zero-Liquid-Discharge).

Das ECWRTI-Projekt – ein Baustein zu Zero-Liquid-Discharge

Im Juni 2015 startete unter Beteiligung des europäischen Textilgesamtverbandes EURATEX ein dreieinhalbjähriges Textilabwasserprojekt mit dem Ziel, Lösungen zu finden, mit denen Wasser aus der Textilfärbung effizient und kostengünstig recycelt werden kann. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. Das neue EColoRO-Konzept reduziert sowohl den Wasserverbrauch als auch die Kosten mit umweltfreundlichen Technologien, denn völlig gereinigtes Wasser, das wieder in den Textilveredlungsprozess eingespeist werden kann, soll nur noch um 2 Euro pro Kubikmeter kosten!

Textilveredler können ihren Wasserverbrauch durch das EColoRO-Konzept, bestehend aus Elektrokoagulation mit Hilfe von Eisenionen und anschließender Membranfiltration, um bis zu 90 Prozent reduzieren, indem diese das Abwasser reinigen und anschließend wiederverwenden. Wissenschaftler haben eine Test-Recycling-Einheit aus zwei verschiedenen Prozessen entworfen, um das Wasser zu reinigen. Beim ersten Prozess, genannt Elektrokoagulation, werden mit Autofiltrationsmembranen alle kleinen Teilchen (Farbstoffe, Tenside etc.) herausgefiltert. Mit dem zweiten, dem Umkehrosmoseprozess, werden die gelösten Salze etc. entfernt. Eine strenge Kontrollanalyse bei jedem Schritt wird verwendet, um die Effizienz der verschiedenen Prozesse zu bestätigen.

Weitere Informationen unter www.ECWRTI.eu