Die „Mikroplastik-Dämmerung“

So langsam dämmert es allen, was der ECHA-Restriktionsentwurf für Industrie und Verbraucher bedeuten würde.

Die Plastik- bzw. Mikroplastikdiskussion ist seit geraumer Zeit omnipräsent und auf viel politischen Druck auch in der EU-Gesetzgebung aufgegriffen worden. Neben der jüngst verabschiedeten EU-Verordnung für Plastikeinwegartikel ist auch die Europäische Chemikalienagentur ECHA durch die Europäische Kommission beauftragt worden, einen Restriktionsentwurf für Mikroplastik zu erarbeiten. Am 30. Januar dieses Jahres veröffentlichte die ECHA ihr REACH-Mikroplastikrestriktionsdossier, das am 19. Juni ein zentrales Thema im REACH-Berater- Kreis des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) war, bei dem der Südwesttextil-VTB-Umweltexperte Stefan Thumm die möglichen Auswirkungen des Restriktionsentwurfes anhand von einprägsamen Beispielen aufzeigte. Derzeit setzt nun langsam die Mikroplastik- Dämmerung in der EU ein.

Laut den Ausführungen von Thumm wird „Plastik“ von der ECHA in ihrem Restriktionsentwurf – entgegen der Meinung vieler Experten – als „eine Summe unzähliger, bevorzugt synthetischer Polymeren, die in zahllosen Anwendungen und Erzeugnissen uns in allen Lebensbereichen von Nutzen sind“, übersetzt.

Den ursprünglichen Gedanken, mit dieser Regulierung Mikroplastikzusätze in Duschgels, Ceranfeldreinigern usw. zu reglementieren, steuert die ECHARestriktion daher nun geradezu in eine fundamentale Polymerrestriktion, denn auch die wasserlöslichen organischen wie anorganischen Polymere sind in die Restriktion fast komplett eingebunden, wie Thumm aufzeigte. Dies kann fatale Auswirkungen haben, werden solche Polymere doch u. a. in großen Mengen als Klärhilfsmittel bei der Abwasserreinigung eingesetzt.

In seinem Vortrag erklärte der Südwesttextil-VTB-Umweltexperte, dass im ECHA-Erstentwurf zunächst ein fataler logischer Fehler eingebaut war. Wäre dieser 1:1 umgesetzt worden, hätte dies eine Untersagung der industriellen Nutzung fast aller Polymere zur Folge gehabt. Viele Fragezeichen gibt es diesbezüglich weiter auch für analytische Überprüfungsmethoden, Polymerdefinitionen, Abbaubarkeitstests und vieles mehr.

Diesen sehr großen handwerklichen Fehler hat die ECHA nun in der aktuell laufenden öffentlichen Konsultation korrigieren müssen. Damit ist der größte Regulierungsbereich – die industrielle Nutzung von Mikroplastik nach ECHA-Definition – aus der Restriktion ausgenommen, sprich die Industrie kann prinzipiell weiterproduzieren. Dies kann sie aber nur unter Auflage von massivsten Kennzeichnungs- und Berichtspflichten für die Hersteller. Auf diese Kennzeichnungs- und Berichtspflichten ging Dr. Martin Engelmann vom Lack- und Farbenverband (VDL) in seinem weiterführenden Mikroplastikvortrag ein (beide Vorträge gibt es hier im Mitgliederbereich von Südwesttextil zum Download).

Der aktuelle Restriktionsentwurf sieht grundsätzlich vor, Mikroplastik ab der Größe von einem Nanometer bis 5 mm zu verbieten. Textilfasern als Erzeugnisse, die REACH als Chemikalienrecht ursprünglich eben nicht regulieren sollte, sind besonders in der Restriktion bedacht und wären vom Nano-Bereich bis zu einer Länge von 15 mm grundsätzlich verboten. Der weiterhin allgemein festgelegte Grenzwert ist 100 ppm Mikroplastik.

Zunächst die gute Nachricht für Textiler: Mit dem festgelegten Geltungsbereich sind Fasern bzw. Textilien und Bekleidung allgemein außerhalb dieses Geltungsbereiches. Die Verspinnungs- bzw. Vliesstofflegegrenze von Stapelfasern liegt etwa bei 35 mm, darunter ist u. a. eine vernünftige Garnbildung nicht mehr möglich. Die ECHA wollte dann wohl doch nicht, dass die EU-Bevölkerung in Zukunft buchstäblich nackt herumläuft.

Dieser Umstand zeigt aber auch, wie fundamental diese Restriktion wirken kann, wenn sie nicht überall gut durchdacht ist. Wer weiter nachdenkt würde, darauf kommen, dass einige Textilien dann doch betroffen sein könnten, nämlich wenn diese über 100 ppm Kurzfasern bis 15 mm, z. B. aus dem Zuschnitt in der Konfektion, enthalten.

Im generellen Geltungsbereich sind eindeutig sehr viele funktionale Kurzschnittfasern, die u. a. als Asbestersatz in Brems- und Kupplungsscheiben bzw. zur Beflockung von Handschuhfächern in Autos eingesetzt werden sowie fast alle in der Textilindustrie eingesetzten Polymer-Dispersionen für die Pigmentfärbung, Echtheitsverbesserung, Ausrüstung und Beschichtung. Selbst viele Wasch- und Dispergiermittel in der Textilveredelung enthalten u. a. Polyacrylsäure bzw. es werden Superabsorberpulver für die Herstellung von textilen Medizin- bzw. Hygieneproduktenprodukten wie Windeln verwendet. Chenillegarne, für die Herstellung von Heimtextilien, Pfeifenreinigern und vieles mehr fallen grundsätzlich in diesen Restriktionsbereich.

Durch die jetzige Korrektur ihres Fehlers bzw. der Freizeichnung, dass die industrielle Verwendung des nach Festlegung der ECHA bezeichneten „Mikroplastiks“ als General-Ausnahme von der Restriktion gilt, sind viele dieser industriellen Verwendungen nun nicht mehr generell in Frage gestellt. Doch viele Subdetails sind für viele industrielle Verwendungen weiter zu klären und die Diskussion um die ins teurere tendierenden Kennzeichnungs- und Berichtspflichten hat gerade erst begonnen.

Verbleiben nun noch weitere maßgebliche Regulierungsbereiche: die faserhaltigen funktionalen Beschichtungen und Mörtel in der professionellen Nutzung im Handwerk und Gewerbe, die durch Kurzfaseranteil temperaturwechselbeständigen Dispersionsfarben, gewerblichen T-Shirt-Beflockungen, Dispergiermittel in gewerblich verwendeten Digitaldrucktinten für den textilen Werbedruck, Klebe- und Dichtmassen für die Textilverarbeitung in Deponieabdeckungen sowie in anderen Bereichen, z.B. in Heißleimpulvern zum Verleimen von Holz beim Schreiner u.v.m. Die Liste der durch die ECHA-Restriktion gefährdeten Polymere, Produkte, Prozesse und Anwendungen ist über zehntausend Posten lang!

Noch länger ist wohl bei diesem ECHA-Ansatz die Liste der derzeit vorhandenen Produkte in der Verbrauchernutzung, wie z. B. in polyethylenhaltiger Möbelpolitur, vielen Waschmitteln und Reinigungsmitteln, Bastelartikeln, Schmuckperlen, Spielzeugteilen und vielem mehr. Sie wären mit diesem Restriktionsansatz aktuell verboten. Ein textiler Sitzsack mit EPS (Expanded- Poly-Styrol Polystyrene)- Kügelchen als Füllung wäre demnach wohl nicht mehr in der EU an den Endverbraucher verkaufbar.

Zu diesem ECHA-Restriktionsentwurf verfasst der Südwesttextil- VTB-Umweltexperte Thumm gerade gemeinsam mit dem Gesamtverband textil+mode in Berlin, unter Einbeziehung von besonderen betroffenen Mitgliedsbetrieben, ein Eingabepapier zur aktuell laufenden öffentlichen Konsultation der ECHA.

Die „Mikroplastik-Dämmerung“ setzt nun ein, soll heißen, der Industrie dämmert es langsam, dass dieser Restriktionsentwurf womöglich so ziemlich alle „Polymere“ irgendwie tangiert, selbst Fasern, die bisher als ökologische Vorzeigeprodukte galten.

Als hätte man diesen fundamentalen Ansatz der ECHA nicht schon vor geraumer Zeit kommen sehen können. Textiler überrascht diese Restriktion nicht, und es geht nun weiter darum, möglichst alles wieder sinnvoll in die Reihe zu bringen, ohne das wieder massive ECHA-Kollateralschäden eintreten. Das ist angesichts des kolossalen Umfangs dieser Restriktionsabsichten allerdings eine Herkulesaufgabe.

Die zentrale Frage, die sich daher stellt, ist wohl eine ganz andere: Kann REACH als zentrales Chemikalienregulierungssystem das Thema Mikroplastik überhaupt regulieren und was erreichen wir überhaupt damit in Sachen Problemlösung und Zielerfüllung?

Zweifelsohne sind Polymere – ob natürlicher oder synthetischer Herkunft – „chemisch“. Polymere liegen daher im Bereich des Stoffrechts, aber die ECHA reguliert dieses Mal nur bedingt „chemisch“ über Stoffeigenschaften, wie in diesem Fall die Persistenz (Nicht-Abbaubarkeit in der Natur), sondern sie versucht vornehmlich über physikalische Steuerungsgrößen (Länge, Breite, Höhe, Durchmesser, Verhältnis /Durchmesser etc.) zu regulieren, um das Thema Mikroplastik überhaupt irgendwie greifen zu können.

Wer die Sache durchdenkt kommt auf das Ergebnis, dass die ECHA mit REACH das globale Plastikproblem bzw. Mikroplastik – egal mit welcher Regulierung auch immer – nicht im Ansatz lösen kann. Die Chemikalienbehörde in Helsinki tut aber gerade so, als könnte sie das Problem lösen.

Die Zeit ist daher reif für einen Faktencheck in Sachen Plastik, Mikroplastik und ECHA! Diesen haben wir Textiler schon einmal durchgeführt. Die Broschüre dazu kann unter Downloads heruntergeladen oder gedruckt bei den Verbandsgeschäftsstellen in München und Stuttgart angefordert werden.