Nachhaltigkeit im Fokus

Südwesttextil im Gespräch mit Dr. Michael Otto

Seminar Prof. Bauer

Michael Otto genießt den Weitblick. Vom Büro im sechsten Stock des Bramfelder Verwaltungsgebäudes schweift sein Blick über die Spitzen der Hamburger Altstadt und die endlos scheinende norddeutsche Elblandschaft. Man ahnt, dass dies der Ort ist, an dem das Tagesgeschäft zurücktritt und der Raum sich für Visionen öffnet.

Mit der operativen Routinearbeit in dem weltgrößten Versandhändler ist der promovierte Volkswirt ohnehin nicht mehr befasst. Seit er im Oktober 2007 an die Spitze des Aufsichtsrats der Otto Group wechselte, widmet er sich stärker seinen Ehrenämtern, Aufsichtsmandaten und Stiftungsaktivitäten. Getrieben von der Vorstellung, dass ökonomisches Handeln nicht auf Kosten von Mensch und Natur erfolgen dürfe, wirbt Otto bei jeder Gelegenheit für seine Idee von der umwelt- und sozialverträglichen Gestaltung der Globalisierung.

Als er 1971 in das von seinem Vater aufgebaute Unternehmen eintrat, übernahm er den Vorstandsbereich Einkauf Textil und gab ihm eine neue Organisationsstruktur. Schon damals habe er angefangen, bei der Beschaffung stärker ökologische und soziale Aspekte zu berücksichtigen, erinnert er sich im Gespräch mit Südwesttextil-Präsident Armin Knauer und Hauptgeschäftsführer Dr. Markus H. Ostrop Anfang Juli in Hamburg. 1986 wurde dann der Umweltschutz bei Otto zum Unternehmensziel erklärt. Heute ist die Überzeugung, dass nur ein in jeder Hinsicht nachhaltiges Wirtschaften zum Ziel führt und die eigene Zukunft sichert, fest in der Unternehmenskultur der Otto Group verankert. Auf den Einkaufsmärkten in den Schwellen- und Entwicklungsländern pocht das Unternehmen daher auf die Einhaltung von sozialen Mindeststandards in der Produktion. Ein umfassendes Sozialmanagementsystem soll die Einhaltung der Sozialstandards bei den Lieferanten sicherstellen. So genannte Social Officer überwachen Produktionsbedingungen insbesondere auf den für die Otto Group wichtigsten Textilmärkten China, Indien oder Türkei.
Doch die Sorge um die Nachhaltigkeit fängt nicht erst bei den Lieferanten von fertiger Bekleidung und Haus- und Heimtextilien an. Gerade die aktuelle Rohstoffsituation mit ihrer Angebotsknappheit und ihrem Preisauftrieb zeige doch, so Michael Otto, „dass wir ein ureigenes Interesse an nachhaltigen Rohstoffen haben müssen“. Deshalb soll das Angebot an Biobaumwolltextilien kontinuierlich gesteigert werden.

Auch mit seiner Initiative „Cotton Made in Africa“ verbindet Otto altruistische, aber auch unternehmerische Ziele: So soll Kleinbauern geholfen werden, ihre Erträge zu steigern, höhere Einkommen zu erwirtschaften und aus eigener Kraft ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Gleichzeitig möchte sich die Otto Group nachhaltige Bezugsquellen von Baumwolle für ihre Textilien sichern. Zu den Abnehmern der „Cotton Made in Africa“-Baumwolle gehören neben Unternehmen der Otto Group auch Tchibo, die Rewe Group und das Sportartikelunternehmen Puma.

Weiß der Kunde die Verantwortung der Otto Group für ihre gesamte Wertschöpfungskette denn überhaupt zu schätzen? Nach Michael Ottos Meinung will der Kunde heute noch nicht mehr Geld für ökologische Produkte bezahlen, „aber bei gleichen Preisen greift er zu.“

Deshalb werde sein Unternehmen das Einkaufsverhalten auch laufend anpassen und nach anderen attraktiven Ländern Ausschau halten, um vom Preis her wettbewerbsfähig zu bleiben. Vietnam und Bangladesch etwa, die rund 20 Prozent billiger seien als Ost- und Süd-China, kämen dabei in Betracht – selbstverständlich unter strikter Einhaltung der Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns.

An eine Rückkehr der asiatischen Produktionskapazitäten im Bekleidungsbereich nach Europa glaubt Otto nicht. Dabei kennt er die Branche immer noch sehr gut und kann zahlreiche Unternehmen auch in Baden-Württemberg beim Namen nennen. Die Zukunft der deutschen Textilindustrie gehöre den innovativen, ideenreichen und technischen Produkten, die für den Markt interessant seien, sagt Michael Otto auf die Frage nach seiner Einschätzung der Zukunftsfähigkeit der Branche. So habe er bei dem zur Otto Group gehörenden Sportartikelanbieter Sportscheck die Erfahrung gemacht, dass Anforderungen von Hochleistungssportlern an ihre textile Ausrüstung zunehmend auch im Freizeitsport nachgefragt würden.

Otto hält es durchaus für möglich, dass die deutsche Textilindustrie ihre internationale Stellung weiter ausbauen kann. Der Schlüssel hierzu seien innovative Ideen. Das geschehe am besten in enger Zusammenarbeit mit den Rohstoffherstellern. „Man muss gleich von der Faser an Neuigkeiten entwickeln, um dem Markt attraktive Produkte bieten zu können.“ Und nicht zu vergessen das Thema Nachhaltigkeit. Auch hier sieht der Vorreiter der umwelt- und sozialverträglichen Unternehmenspolitik zukunftsfähige Ansätze für die inländischen Textilproduzenten.

Der Nachhaltigkeitsbericht 2009 ist unter http://www.ottogroup.com/nachhaltigkeitsbericht zu finden.