Neues vom Bosporus

Kooperationstag zeigt Chancen im Wachstumsmarkt Türkei auf

Über 100 Teilnehmer kamen am 25. Oktober zum Kooperationstag "Textilland Türkei", zu dem Südwesttextil und Gesamtmasche gemeinsam mit dem türkischen Textil- und Bekleidungsverband ITKIB ins Stuttgarter Haus der Wirtschaft eingeladen hatten. Marktinformation, Erfahrungsaustausch und direkte Kontakte zwischen deutschen und türkischen Unternehmen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Bislang hat sich die Türkei vor allem als Lieferland einen Namen gemacht. Inzwischen punktet sie durch einen attraktiven Inlandsmarkt und ihre Drehscheibenfunktion in der Region. Von der Krise 2009 hat sich das Land rasch erholt. Seit 2002 hat sich das türkische Bruttoinlandsprodukt verdreifacht. Für 2011 prognostiziert der IWF über 8 Prozent Wachstum. Und der Einzelhandel boomt.

Auf die asiatische Konkurrenz haben die türkischen Hersteller mit höherer Qualität, einem neuen Fokus auf intelligente Textilien und eigenen Marken reagiert. Der deutsche Export in das Land am Bosporus steckt allerdings noch in den Anfängen.

Hartmut Reichl, Leiter der Außenwirtschaftsabteilung des Wirtschafts- und Finanzministeriums, konstatiert in seiner Begrüßung: "Ich bin mir sicher, dass sich die guten Wirtschaftsbeziehungen zum Wohle beider Seiten noch weiter ausbauen lassen." Generalkonsul Ari hält die 430 000 Türken in Baden-Württemberg, die im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich gut ausgebildet sind, für die Basis der weiteren Verflechtung.

Was mit "ausbauen" vor allem gemeint ist, bringt Unternehmensberater und Textilingenieur Mustafa Yilmaz auf den Punkt: "Die Türkei entwickelt sich vom reinen Lieferland zum globalen Partner, investiert auf dem deutschen Markt, öffnet sich aber auch mit neuen liberalen Gesetzen. Alleine in Istanbul, Ankara und Izmir sind 70 neue Shopping- Center in Planung."

Klasse statt Masse lautet dabei die Devise. Das macht sich auch im Export bezahlt, wie Mustafa Gültepe, Chef des türkischen Modeherstellers Talu unterstrich. Die Türkei will ihre knapp 22 Mrd. Euro schwere Ausfuhr durch mehr Qualität weiter steigern. Für deutsche Investoren geht es hingegen mehr denn je nicht nur um Exportproduktion, sondern um wachsende Absatzchancen vor Ort.

Jens Marquard, der die Vertriebsgesellschaft der Paul Hartmann AG in Istanbul aufgebaut hat, schwärmte von der Entwicklung der pulsierenden Mega-Stadt mit ihren über 13 Millionen Einwohnern. Gleichzeitig verwies der heutige Regional Manager Eastern Europe auf die wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede innerhalb des Landes. "Allerdings ergeben sich bereits lukrative Chancen, wenn man das Geschäft 'nur' auf Istanbul und ausgesuchte Metropolen konzentriert".

Florian Baum, Einkaufsleiter der Sontheimer CMC Group, hält die Hafenstadt Mersin im östlichen Mittelmeer für das ideale Tor im Handel mit Nah- und Mittelost, Nordafrika, aber auch mit Russland und ganz Europa. CMC fertigt in der Freihandelszone von Mersin im Dreischichtbetrieb Vliesstoffe und Wattepads.

Für die Triumph International AG als einem der weltweit größten Wäschehersteller ist die Türkei traditionell ein wichtiger Beschaffungsmarkt. Doch längst ist das Land auch verkaufsseitig von Interesse: 2007 eröffnete Triumph ein Vertriebsbüro in Istanbul. Seither wird die Markenpräsenz ausgebaut. "Wir sehen in der Türkei relevantes Wachstumspotenzial", fasst Klemens Möslinger, Kreativchef bei Triumph, zusammen. Fatih Altunyuva von der türkischen Investment Support and Promotion Agency ISPAT schloss mit seinen Ausführungen zum Investitionsklima den Kreis rund um Vertrieb, Beschaffung und Produktion vor Ort. Bereits 4 500 deutsche Unternehmen arbeiten in dem Land, das im Ranking der stärksten Wirtschaftsnationen auf Platz 17 vorgerückt ist.

Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Dr. Markus H. Ostrop resümiert: "Durch den Nachfrageboom und die geografisch günstige Lage ist die Türkei über ihre Lieferantenrolle längst hinausgewachsen." Fairer Wettbewerb sei allerdings wichtig. Die jüngst verhängten Schutzzölle der Türkei auf zahlreiche Textilwaren und der teilweise saloppe Umgang mit geistigem Eigentum seien Reizthemen. "Mit unserer Veranstaltung wollen wir einen Beitrag leisten, solche Hemmnisse abzubauen und konstruktiv zusammenzuarbeiten."