Ökonomen sehen in die Glaskugel

Es könnte auch viel besser kommen – Wider die Verunsicherung

"Es war ganz ordentlich", antwortete kürzlich ein Textilunternehmer von der Alb auf die Frage nach dem Geschäftsverlauf im zu Ende gehenden Jahr. Nicht ohne zu ergänzen, dass er im "schwäbischen Superlativ" gesprochen habe. Ähnlich zufrieden wie der zitierte Hersteller von Maschenwaren äußern sich die meisten Mitgliedsunternehmen von Südwesttextil und Gesamtmasche. Die Branche hat das Jahr unerwartet gut hinter sich gebracht.

Mit dem Jahreswechsel aber konzentrieren sich die Blicke auf die Zukunft. Und die ist – jedenfalls darin sind sich die Ökonomen einig – nur schwer vorherzusagen. Die Prognosen über den Konjunkturverlauf in den nächsten 12 Monaten erinnern dabei stark an den berühmten Blick in die Glaskugel: Es kann so kommen, muss aber nicht.

In ihrer Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung haben führende Wirtschaftsforschungsinstitute schon im Herbst tapfer vorhergesagt: In Deutschland kommt es nicht zur Rezession. Vielmehr dürfte die Konjunktur im zweiten Quartal 2012 wieder an Fahrt aufnehmen. Anders die Ratingagentur Standard & Poor’s: Ihre Drohung mit der Bonitätsabwertung Deutschlands begründete sie am Nikolaustag auch damit, dass die Rezessionsrisiken "relevant und erheblich" sind. Doch keine Prognose ohne Vorbehalt: Die führenden Wirtschaftsinstitute treffen ihre optimistische Aussage ausdrücklich unter der Annahme, dass die Unsicherheit im Euroraum wieder zurückgeht. Deshalb rechnen sie für 2012 mit einer Zunahme des Bruttoinlandsproduktes um 0,8 Prozent. Kaum größeren prognostischen Mut wagt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In seinem Anfang November vorgelegten Gutachten geht er für 2012 von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 0,9 Prozent aus. Aber: es könne auch ganz anders kommen. Im ungünstigsten Fall werde die Wirtschaftsleistung sogar leicht rückläufig sein. In diese Richtung tendieren bereits die Analysten der Bayern LB. Sie rechnen nur noch mit 0,5 Prozent und korrigieren ihre eigene Prognose des Vormonats bereits nach unten.

Solch unsichere Aussagen sind für die Planungen der Unternehmen wenig hilfreich. Aber vielleicht landet die Ökonomenzunft ja bei der prognostizierten Inflation einen Treffer: Per Saldo wird in der Gemeinschaftsdiagnose ein Anstieg der Verbraucherpreise um 1,8 Prozent für 2012 prognostiziert. Die Bayern LB erwartet 1,6 Prozent. Nur die Deutsche Bank bleibt vage und rechnet mit "unter 2,5 Prozent". Ein genügend großes Landefeld, mit dem sie wohl nicht gänzlich falsch liegen kann.

Was aber, wenn die Realität der Vorhersage enteilt? Auch hier wissen sich Ökonomen zu behelfen und greifen zum "Prognose-Update": die flinke Anpassung der Voraus-Kenntnis an die Wirklichkeit.

So tut man gut daran, sich durch all die Glaskugelgucker, Kaffeesatzleser und Bleigießer nicht verunsichern zu lassen. Und sucht sich nur die schönsten Sätze der Ökonomen heraus. Etwa diesen aus der Gemeinschaftsdiagnose der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute: "Es bestehen allerdings auch Chancen, dass sich die Konjunktur in den kommenden Monaten besser entwickelt." In diesem Sinne wünscht Südwesttextil viel Glück für 2012!

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