Peking-Panik

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Chinesische Investoren sind auf Großeinkauf in Europa. Bis zur Jahresmitte haben sie fast schon so viele Firmen übernommen wie im ganzen Jahr zuvor. Mit 37 Übernahmen liegt Deutschland auf Platz 1 – der Roboterhersteller Kuka ist nur der prominenteste Fall. Auch Personen sind beliebte Akquiseziele: Jüngstes Beispiel ist der bisherige Leiter des BMW-Elektroautoteams, der mit seinen engsten Mitarbeitern und Leuten von Tesla, Google und Mercedes zu den Chinesen wechselte.

Ein Anlass zur Sorge? Mancher klagt, so langsam würden sich die Chinesen ins Herz unserer lang unangefochtenen Industriekompetenz vorarbeiten. Verlieren wir die Kontrolle? Sind wir auf dem Weg zur verlängerten Werkbank Chinas? Manche Sorge scheint berechtigt: Während die Chinesen versuchen, sich im Rohstoffbereich ein Monopol nach dem anderen zu sichern und logistische Schlüsselpositionen zu erlangen (der Hafen von Piräus gehört ihnen jetzt und soll erste Anlaufstelle für chinesische Produkte in Europa werden), gehen in China selbst immer öfter die Schranken für europäische Anbieter herunter. War es das also mit der China-Euphorie? Einst das Land mit günstigen Produktionskosten und einer Milliarde Kunden, dann der willkommene reiche Onkel aus Fernost und bald: der Feind im eigenen Bett? Fakt ist: Für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ist der Handel mit China wesentlich. Peking muss Partner bleiben.

»Chinesen denken in Jahrtausenden statt in Quartalen.«

Vor vier Jahren traf ich in Shanghai einen deutschen Professor, der Land und Leute hervorragend kannte (immerhin brachte er den Chinesen auf Chinesisch chinesische Literatur bei!). Er machte mir klar, dass China nicht umsonst das „Reich der Mitte“ sei. Sie sähen sich eben im Zentrum der Welt. Die nur ein paar Jahrhunderte währende Vorherrschaft Europas – oder besser gesagt: die Dominanz des Westens – empfinden Chinesen eher als Treppenwitz der Geschichte, der jetzt korrigiert würde.

Chinesen denken nicht in Quartalen, sie denken in Jahrtausenden – und jetzt soll für sie ein neues, goldenes anbrechen. Nach Jahrzehnten des „billiger“ werden sie „besser“. Und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, in dem wir „teurer denn je“ sind. Das haben Politik und Gewerkschaften noch nicht wirklich verstanden. Laut Statistischem Bundesamt hat sich das Lohnniveau in keinem anderen großen Euro-Land so stark erhöht wie in Deutschland.

Noch haben wir eine Chance: Erst vor wenigen Tagen zeigten Forscher der Uni St. Gallen, dass Produkte „made in Germany“ in der internationalen Wertschätzung auf Platz 1 liegen. China und Indien sind Schlusslichter.