Generalverantwortlich?

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Textil- und Bekleidungshersteller waren oft die Ersten: Die erste industrialisierte Branche, die erste globalisierte Industrie, und vor einigen Jahren wurde unsere Branche als erste ausgeguckt, um an ihr zu testen, inwiefern westliche Hersteller für die Arbeits- und Umweltbedingungen in der weltweiten Wertschöpfungskette verantwortlich gemacht werden können. Nicht immer macht es Spaß, die Nummer 1 zu sein …

Dass es nicht immer und überall so zugeht wie in Deutschland – sei es bei der Bezahlung und Behandlung von Arbeitnehmern, sei es im Umgang mit der Umwelt – ist unstrittig. In diesen Themen beweisen Verbände und Unternehmen zunehmend Dialogbereitschaft und Engagement. Eine Generalverantwortung für die gesamte Lieferkette ist jedoch abzulehnen. Hintergrund dieser Feststellung: Die internationale Transportarbeiter-Förderation hat kürzlich Bekleidungshersteller aufgefordert, sich auch für die Hafenarbeiter einzusetzen, die die Schiffe be- und entladen, dabei natürlich auch mit Containern voller Kleidungsstücke zu tun haben und somit auch Teil der textilen Wertschöpfung wären.

Man kann den Gedanken ruhig weiterspinnen: Was ist mit den Schiffsbesatzungen? Warum garantiert Modelabel XY nicht, dass die chinesische Reederei bei der philippinischen Crew eines panamesischen Frachters auf die Einhaltung mitteleuropäisch akzeptierter Arbeitszeiten achtet? Und wer kennt die Arbeitsbedingungen der LKW-Fahrer, die die Container am Hafen laden? Oder wer sichert den Tankstellen-Kassierern entlang der Fahrtstrecken ihren Mindestlohn? Der deutsche Bekleidungsfabrikant?
Ich möchte den Schwarzen Peter gar nicht weiterschieben, gar nicht die Verantwortung auch anderer Branchen für verbesserungswürdige Zustände debattieren, beispielsweise die der Nahrungsmittelindustrie für die Lage in Afrika und so weiter. Fakt ist aber: Alle Missstände einer Branche anzulasten und ihr die Lösung abzuverlangen, ist mindestens so unverantwortlich, wie nichts zu tun.

Die Lieferketten transparenter, nachhaltiger und fairer zu machen, muss sein – es geht aber nicht, ohne dabei eine internationale und branchenübergreifende Lastenverteilung zu gewährleisten, die Politik an ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu erinnern und gerade Mittelständler nicht mit weiterer Bürokratie zu knechten – das ist kompliziert, es dauert, aber es kann nur so gehen. Und zu guter Letzt muss der Verbraucher mitmachen. Zwischen Gewissensfrage und Kaufentscheidung liegen immer noch Welten. Das ist bei Textilien nicht anders als bei Lebensmitteln: Jeder vierte Deutsche glaubt tatsächlich, häufig Bioprodukte zu kaufen. Tatsächlich liegt der Marktanteil von Öko-Lebensmitteln bei nur fünf Prozent.