Alles strangu-, äh…, reguliert

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Jenseits der Schlagzeilen und auch unter dem Radar vieler Unternehmen bahnt sich gerade ein schleichendes Gift seinen Weg in die Hauptschlagadern der europäischen Industrie: Es geht um die EU-Chemikalienverordnung REACH. Sie ist ein Geist, der aus der Flasche gelassen wurde. Sie will die Menschen schützen – doch am Ende erreicht sie: Monopolbildung, das Verschwinden wesentlicher Chemikalien, Wettbewerbsnachteile, Deindustrialisierung. Wie konnte das passieren?

Als REACH 2007 in Kraft trat, sollte Transparenz hergestellt werden über die in der EU hergestellten Chemikalien und jene, die importiert werden. Das sollte auch die Nachverfolgbarkeit gewährleisten. Die Registrierung von Chemikalien in kleineren Mengen unter 100 Tonnen geht nun in die heiße Phase – die Frist läuft Ende Mai 2018 aus. Danach dürfen nur noch registrierte Chemikalien in der EU produziert oder in die EU eingeführt werden. Der Registrierungsprozess führt jedoch gerade KMU an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Verwaltungsaufwand und Ausgaben für geforderte Studien belaufen sich z.B. für die Registrierung von Farbstoffen auf 90 000 bis 290 000 Euro! Kein Wunder, dass von 53 000 Registrierungen nur 7 500 auf KMU fallen. Das verschiebt die Märkte hin zu Konzernen, Oligopolen, ja Monopolen, die dann Preise diktieren oder Stoffe ganz vom Markt nehmen. Von den vorregistrierten 145 000 Stoffen sind bislang nur 12 Prozent final registriert.

Chemikalien sind für die Textilindustrie existenziell. Als Flamm- oder Infektionsschutz bei Bekleidung, oder als Funktionalisierung von Medizinprodukten. Aber auch viele andere Industrien sind betroffen, Elektronik, Automobil, Luft- und Raumfahrt. Die Auswirkungen auf die europäische Innovationsdynamik sind kaum auszudenken, wenn Forscher das Risiko scheuen, Produkte mit noch nicht registrierten Chemikalien weiterzuentwickeln.

Die Politik muss einsehen, dass das System REACH & Co. komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Bald können wir im Dickicht aller Registrierungen, Restriktionen und Einstufungen nicht einmal mehr einen Wasserfarbkasten für unsere Kinder oder eine hygienisch einwandfreie Zahnpasta in der EU produzieren. Um einen alten Greenpeace-Spruch (ausgerechnet!) abzuwandeln: „Wenn Ihr die letzte Chemikalie verboten, das letzte Produkt zugrunde reguliert, den letzten Industriearbeitsplatz vernichtet und den letzten Verbraucher vor sich selbst geschützt habt, werdet Ihr merken, dass Menschen nur dann Verbraucher sein können, wenn sie vorher Verdiener waren.“ Möge es nicht soweit kommen.

Wir arbeiten dran.