Roter Kopf statt Grüner Knopf

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Fast wäre er es gar nicht mehr geworden – doch der Schwenk zurück von Jamaika zur Neuauflage der GroKo bescherte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller eine zweite Amtszeit. Und die will er nutzen, um sich selbst zu entwickeln. Zum Retter der (3.) Welt, der für eine gerechte Globalisierung eintritt (so verspricht es sein Buchtitel), der die Flüchtlingsströme bändigt, weil er einen neuen (tatsächlich so von ihm genannten) „Marshall-Plan“ für Afrika vorschlägt und … der der deutschen Bekleidungswirtschaft den „Grünen Knopf“ beschert – das Gütesiegel aller Gütesiegel, an dem der Kunde fair produzierte Kleidung erkennt, von dem nur keiner weiß, wie das Ministerium als Vergabestelle des Siegels die Güte sicherstellen will.

Und wer genau hinschaut, der sieht: Deutsche Entwicklungshilfe sponsert eher gegensätzliche Entwicklungen. Sicher nicht bewusst, aber doch erkennbar. Schauen wir dazu nach Äthiopien: Die dortige Regierung will die Textilexporte des Landes bis 2020 von 100 Mio. auf 1 Mrd. US-Dollar steigern und hat dazu große Textil-Handelsketten ins Land gelockt. Unterstützung erhält das Land dabei vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über deren operativen Arm, die GIZ. Die fühlt sich auf dem rechten Weg, sind die entstehenden Fabriken doch neu, es gibt geregelte Arbeitszeiten, Pausen und kostenloses Mittagessen. Für Äthiopien purer Luxus, weswegen sich wohl die beschäftigten Frauen, für die es sonst so gut wie keine bezahlte Arbeit gibt, mit Monatslöhnen von 21 Dollar zufriedengeben (bei einer Sechs-Tage-Woche). Der existenzsichernde Mindestlohn läge bei 195 Dollar. Mancher, der sich in Afrika auskennt, fragt: „Wird hier indirekt die nächste Migrationswelle in Gang gesetzt?“

Profiteure sind in erster Linie die großen Handelsketten, Investoren aus China, Indien, den USA und Korea, die die Industriehallen pachten und sich gleichzeitig über ein Ausbildungsprogramm freuen, das die Bundesregierung finanziert, um den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken…

Der größte Teil der billigst produzierten Kleidung aus Äthiopien geht momentan an deutsche Verbraucher. Man könnte sagen: Deutsches Steuergeld trägt dazu bei, dass der hiesige Markt mit noch mehr Kleidung überschwemmt wird. Den Profit allerdings streichen u.a. Marken wie Tommy Hilfiger oder Calvin Klein, GAP oder GANT ein. „Faire Mode muss Vorfahrt haben", sagt Gerd Müller immer wieder. Ein roter Kopf stünde ihm derzeit besser als ein grüner Knopf.