Vier gewinnt – wer ist die Null?

PH-Werte: Die Kolumne von Südwesttextil-Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Hauptgeschäftsführer Peter Haas
Foto: Hauptgeschäftsführer Peter Haas

Wer nicht mehr weiter weiß, gründet ´nen Arbeitskreis. Wer schlauer ist, veranstaltet einen Gipfel. Seit einigen Jahren ein beliebtes Format in der Politik, um schlagzeilenträchtigen Themen große Aufmerksamkeit und Bedeutung zu geben. Flüchtlingsgipfel, Energiegipfel, Dieselgipfel, kürzlich lud das Baden-Württembergische Wirtschaftsministerium zum Digitalgipfel. Durchaus erfolgreich, kamen doch mit 1 000 Teilnehmern doppelt so viele wie gedacht, die Location musste kurzfristig gewechselt werden. Botschaft: Digitalisierung geht alle an. So banal diese Erkenntnis klingt, so sehr wird sie doch ignoriert. Gerade im Mittelstand. Hier werden Kosten, Zeit und sonstige Mühen gescheut, sich mit der radikalen Veränderung der Welt und den möglichen radikalen Effekten aufs eigene Unternehmen auseinanderzusetzen. Dabei gilt: „Keiner kann sich wegducken!“ So treffend formuliert es der Chef vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Professor Wilhelm Bauer, seines Zeichens Technologiebeauftragter der Landesregierung. Er hat die Branchen in vier Quadranten eingeteilt: Einige sind schon mitten im Digitalisierungssturm und werden teilweise davon hinweggefegt (Bauer nennt das „kurze Lunte, großer Knall“ und sieht hier zum Beispiel den Einzelhandel), andere haben noch etwas Zeit und sind weniger betroffen (wie Bergbau und Chemie = „lange Lunte, kleiner Knall“). Das produzierende Gewerbe und damit auch unsere Industrie verortet Bauer im Quadranten „lange Lunte, großer Knall“, was so viel heißt wie: Noch könnt Ihr Euch vorbereiten, aber wer das verpasst, dem droht das Aus! Und wer will schon die Null sein im Projekt 4.0?

Damit das nicht passiert, hat jetzt das KompetenzzentrumTextil vernetzt“ seine Arbeit aufgenommen. Das Team wird im Rahmen der Initiative „Mittelstand 4.0“ vom Bund gefördert, hat seinen Sitz bei unserem Dachverband „textil + mode“ in Berlin, bringt seine Informations- und Beratungsangebote aber vor allem in die Regionen. Einige unserer Mitglieder nutzen das Kompetenzzentrum schon, um ihre eigene „digitale Fitness“ zu überprüfen und Ideen zu entwickeln. Das Themenspektrum ist riesig und reicht vom digitalen Engineering (auch der Nähroboter ist keine Zukunftsmusik mehr) über digitales Lernen und Arbeiten bis hin zu smarten Sensorsystemen für die Produktion und vernetzte Produktionsketten.

Ich kann nur empfehlen, diese tolle Möglichkeit eines branchen-spezifischen Kompetenzzentrums zu nutzen (siehe Grafik unten). Überlassen Sie es nicht der Politik, Digitalgipfel zu veranstalten. Rufen Sie Ihren eigenen betrieblichen Gipfel aus. Überlegen Sie mit Ihrer Mannschaft, wie Ihr Unternehmen digitaler werden kann – oder wo die Digitalisierung Gefahren für Ihr Geschäftsmodell birgt. Wir bei Südwesttextil bleiben auch nicht stehen. Angefangen von der Digitalisierung ganzer Kellergewölbe voller Akten bis hin zu Konzepten für Gerichtstermine mit iPad statt Leitz-Ordner und virtuellen Workshops reichen aktuelle Projekte. Zugegeben, nach dem Gipfel folgen mühsame Abstiege in die Jammertäler der To-Do’s. Aber wer will schon, dass wie bei Goethe „über allen Gipfeln“ Ruhe ist. Denn, so dichtet er weiter: „Über allen Gipfeln ist Ruh', In allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur! Balde ruhest du auch.“ Das sollte nicht das Ergebnis Ihrer persönlichen Digitalisierungsstrategie sein.