Planck 6.5

Zum Ende seiner Laufbahn wird der Denkendorfer Institutsleiter Prof. Dr.-Ing. Heinrich Planck mit einem Zukunftskolloquium geehrt. Südwesttextil-Präsident Georg Saint-Denis nimmt das zum Anlass, in seinem Grußwort den Blick ganz weit nach vorne zu richten

Vor dem Hintergrund Ihrer reichhaltigen Lebenserfahrung, wissen Sie nur zu gut, lieber Herr Prof. Planck, dass man vermutlich nur an großen Herausforderungen wirklich wächst. Aus diesem Grund verstehe ich es als Ihre wohlwollende Geste, dass Sie mir die Herausforderung zu Teil werden ließen, nach drei prominenten Vorrednern nun auch noch einige Worte an Sie zu richten. Ich sehe, wie Sie mit Ihrem typisch verschmitzten Lächeln nun gespannt darauf warten, wie ich gegen die latent vorhandene Langeweile der verehrten Zuhörer ankämpfe. Viele hier in der Festhalle von Denkendorf kennen derlei wohlgemeinte Impulse von Ihnen aus langjähriger Zusammenarbeit. Impulse um Herausforderungen anzupacken und sozusagen die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen.

"Sorgen wir uns um die Zukunft, denn wir werden den Rest unseres Lebens darin verbringen."

Mit diesem klugen Satz, der tatsächlich von mir hätte sein können, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment der Gegenwart entreißen und Sie einladen, mit mir einen Blick auf das zu werfen, was kommen mag. Schauen wir einmal voraus in die Zukunft. Das Schlagwort hierzu lautet: "Planck 6.5". Damit ist jedem Kenner der textilen Szene unmittelbar klar: Hier geht es um etwas ganz Großes, etwas Einzigartiges. Um große Seriosität bemüht, bediene ich mich bei meiner Vorausschau selbstverständlich wissenschaftlich anerkannter Prognosetechniken. Mit Hilfe der linearen Extrapolation projiziere ich Vergangenheitswerte in die Zukunft, ziehe mein eigenes in bald 50 Jahren gereiftes textiles Fachwissen zusammen und werte die Planetenpositionen der Himmelskörper unseres Sonnensystems auf der Basis eines am 4. November 1947 und damit im Sternzeichen des Skorpions zur Welt gekommenen Menschenwesens aus. Das ist nicht ganz einfach. Denn der Skorpion ist das Sternzeichen der Tiefe und der Extreme. Rätselhaftigkeit und Gefühlsintensität sind sein Markenzeichen. Menschliche Vertreter desselben sind unergründlich und leidenschaftlich zugleich. Dennoch: wagen wir einen weiten Blick voraus. Lassen Sie uns dabei für einen Augenblick die Kleinmütigkeit des heutigen Zukunftskolloquiums vergessen, welches mit den Perspektiven im Jahr Zweitausendfünfundzwanzig stehen blieb. Denn was sind schon 13 Jahre bei einem Menschen, der vier Jahrzehnte lang mit jeder einzelnen Faser seines Körpers dem Fortschritt vorausgeeilt ist?

Wir schreiben also das Jahr 2047! Die Sterne stehen gut. Herrscherplanet Pluto bewegt sich auf der Bahn über der Venus hin zum Jupiter. Es ist früh morgens und es ist ein ganz gewöhnlicher Tag im Leben des Heinrich P. Auf seiner 3D-gewirkten, sensorintegrierten, interaktiven Mikrosystem-Matratze dreht sich der jung gebliebene 100-jährige Forschergeist noch einmal genüsslich auf die andere Seite. Die High-Tech-Matratze sendet seine physiologischen Vitalparameter an das Textil-Seniorenzentrum in Denkendorf, einem zukunftsträchtigen Think Tank der Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung. Das unverzügliche Biofeedback ist positiv: unser Skorpionmann besticht noch immer durch seine umwerfende Ausstrahlung. Die ihn umgebende Aura von Macht, Erfolg und Leidenschaft hat nicht gelitten. Ein Paradebeispiel plutonischer Männlichkeit. Voller Tatendrang beginnt er also seinen Tag. Die Morgentoilette entfällt. Denn dank der nanoausgerüsteten humanökologisch unbedenklichen Nachtwäsche hat die Haut einen Lotus-Effekt erhalten, der sie makellos sauber hält. So kann er sich direkt und effizient an die Arbeit machen. Zeitlebens ein unbestechlicher Forscher, der vor nichts zurückschreckt, wird unser Skorpion auch heute wieder gestaltend in das Leben eingreifen und ein weiteres, das Zusammenleben erleichterndes Patent anmelden: ein gewirktes Herz-Korsett, ausgestattet mit einer inhärent optisch leitfähigen biokompatiblen Polymerfaser, das entsprechend der Herzschlagfrequenz ein emotionales Licht an die Umgebung sendet. Eine praktische Erfindung zur Erkennung ungezügelter Gefühlsintensität auch im fortgeschrittenen Alter. Geeignet etwa für die älteren Herren im Rotary-Club unseres Skorpions bei der Aufnahme von jungen Damen.

Nach seiner Patentanmeldung setzt er sich in sein Auto. Es ist ein Niedrig-Solarenergie-Fahrzeug mit einer aus der Nesselfaser im Leichtbauverfahren konstruierten hochstabilen Außenhaut. Ein riesengroßes nahtloses Airbaggewebe einer Firma aus dem südbadischen Maulburg umgibt die Kabine und schützt Insassen wie Verkehrsteilnehmer gleichermaßen. In den mit textilen Dauer-Schneeketten umwickelten Reifen befinden sich Sensoren, die kontinuierlich die Umgebungsdaten und sicherheitsrelevante Informationen über die Straßenbeschaffenheit in Echtzeit an den Fahrer weitergeben und in kritischen Situationen autonome Eingriffe in Bremse und Lenkung vornehmen. Heinrich P. fährt nach Denkendorf. Die dortigen Institute werden - wie an jedem Tag - vom Bundespräsidenten als Ort im Land der Ideen ausgezeichnet. Da darf er nicht fehlen. Anschließend begibt sich unser Skorpion hinaus auf seinen Golfplatz. Dort streift er sich seinen Ganzkörper-Golf-Strampler über. Dieser mit textilbasierter Sensorik ausgestattete und windenergiebetriebene im Shape-Wear-Technologie-Verfahren hergestellte dehnungs- und atmungsaktive Sportanzug ist in der Lage, den komplexen Golfschwung durch elektronische Impulse auf die Muskulatur zu steuern. Hinterlegt man im Rechner die Schwungdaten von Tiger Woods, so wird der Bewegungsablauf soweit optimiert, dass ein Drive von dreihundert Metern für unseren Skorpion zur Selbstverständlichkeit wird. Seinen Golffreunden müsste er deshalb nach der Runde einen ausgeben, doch da ist unser Skorpion bereits auf dem Heimweg zu seiner Ehefrau. Denn wenn einmal eine Frau die Gefühle des Skorpions geweckt hat, dann ist er ein treuer und beschützender Partner, voller Hingabe und Leidenschaft und sofort zur Stelle wenn sie ihn braucht. Den Tag lässt unser Skorpion ausklingen, in dem er die textile Lichttapete in seinem in faserbasierter Membranbauweise und mit multifunktionalen und adaptierbaren Eigenschaften ausgestatteten Effizienzhaus auf Candle-Light-Niveau herunterdimmt. Der in die Textiltapete integrierte Monitor zeigt ihm die neuesten Nachrichten. Die Topmeldung nimmt er gefasst zur Kenntnis: Ein gewisser Heinrich P. aus D. wird mit dem Nobelpreis für textile Innovationen ausgezeichnet.

Lieber Prof. Planck, so oder zumindest ganz ähnlich könnte es kommen, wenn wir auf Ihr bisheriges Lebenswerk blicken. Auf dieses Lebenswerk können Sie sehr stolz sein. Ganz anders als heute, wo wir Dank Ihres Wirkens über hervorragende Perspektiven in der Textilindustrie verfügen, nämlich zu einem Zeitpunkt, als es sehr viel Vorstellungskraft und Optimismus bedurfte, um an positive Zukunftsaussichten der Textilbranche zu glauben, haben Sie Ihren Erfindergeist und die Entwicklungskompetenz Ihres Forschungsinstituts in den Dienst unseres Industriezweiges gestellt. Dabei war Ihre Arbeit niemals ausschließlich zweckfreie Forschung, sondern stets auch vom Ziel konkreter Anwendung und Umsetzung getrieben. Die Synthese von Forscher, Wissenschaftler, Ingenieur und Unternehmer macht Sie, lieber Prof. Planck, für uns Textiler so wertvoll, weil einmalig, so sympathisch, weil wir uns von Ihnen verstanden wissen, und so zukunftsweisend, weil Sie die Weichen für innovative textile Anwendungen zum richtigen Zeitpunkt gestellt haben.