REACH-Präzedenzfall Textil

Das EU-Beschränkungsverfahren für CMR-Stoffe in körpernahen Textilien nimmt Fahrt auf

Am 7. Februar 2017 begann mit einem Workshop bei der EU-Kommission in Brüssel die heiße Phase der EU-CMR-Stoff-Regulierung für körpernahe Textilien. CMR-Stoffe sind kanzerogene, mutagene und reproduktionstoxische Stoffe. Der Auftakt dieses Verfahrens fand bereits im Oktober 2015 im Rahmen einer öffentlichen Befragung statt. Wir berichteten darüber.

Die deutschen und europäischen Textilverbände unterstützen die Absicht der EU-Kommission, eine europaweit einheitliche Regelung bzw. Harmonisierung der Gesetzgebung im Sinne aller einzuführen, die gleichermaßen für nicht EU-Importware gilt. Für Textiler hat dieses Präzedenzverfahren eine sehr hohe Relevanz, denn im Kern geht es nach dem besonderen REACH Art. 68/2-Verfahren, das zum aller ersten Mal für einen EU-Industriezweig angewendet wird, um eine gleichzeitige EU-Regulierung für eine Vielzahl von CMR-Stoffen auf körpernahen Textilien im Verbraucherbereich. Das „REACH-Experiment“ muss daher gelingen und neben den Textilern ist sich dessen auch die EU-Kommission bewusst.

Für den deutschen Gesamtverband textil+mode bzw. den europäischen Textilverband EURATEX wurden daher die beiden Textilchemie- und Textilveredlungsexperten Dipl. Ing, (FH) Stefan Thumm (Südwesttextil/VTB) und Dr. Markus Strauß (Verband Nord-West) für den Workshop nominiert. Um das für Textiler äußerst wichtige Regulierungsverfahren fachlich zu begleiten und die EU-Kommission in ihrem Vorhaben zu unterstützen, waren in den vorausgehenden Monaten vielfältige Vorarbeiten zwischen den Experten der textilen Verbände mit anderen Zulieferer-Industrieverbänden wie der TEGEWA, dem IVC oder der ETAD nötig, um die Relevanz der einzelnen Stoffe festzustellen, geeignete Messmethoden bzw. sinnvoll messbare Grenzwerte im Vorfeld des Workshops vorzuschlagen. Diesen Verbänden und ihren Spezialisten gilt unser besonderer Dank.

Der eintägige Workshop mit über 50 Teilnehmern, darunter neben o.g. Industrieverbänden, bekannten Prüfinstituten, europäischen und nationalen Chemikalienbehörden wie der schwedischen KEMI, NGO-Vertretern wie Greenpeace, ChemSec u.v.m., startete mit einer von der EU-Kommission priorisierten Liste von 50 CMR-Stoffen. Im Kern geht es um die CMR-Substanzen der Kategorie 1A und 1B, wie Formaldehyd, Schwermetallverbindungen, wie Chrom VI, bestimmte Farbstoffe, die selbst kanzerogen sind oder potenziell kanzerogene Amine abspalten können, Phthalate, chlorierte Toluole, polyzyklische Aromaten oder den sog. aprotischen Lösemitteln bei der PU-Beschichtung bzw. Faserproduktion und einigen weiteren CMR-Stoffen. Viele der Stoffe sind bereits u. a. gesetzlich national in Deutschland reguliert, in den entsprechenden Textilstandards enthalten und haben daher primär für asiatische Textilimporte in die EU eine hohe Relevanz. Für die EU-Kommission ist allerdings Vorsicht geboten, damit sie nicht am Ende einige Stoffe, wie z.B. Bleiverbindungen, doppelt oder sogar dreifach in verschiedenen EU-REACH-Restriktionen unterschiedlich reguliert. Das würde zur völligen Konfusion bei allen Beteiligten führen.

Was die grundlegende Relevanz der Stoffe, die richtigen Analysemethoden und Grenzwerte etc. anbelangt, zeichnet sich trotz vieler im Workshop gegensätzlicher Meinungen zwischen Industrie und NGO’s, insbesondere dank der konstruktiven Vorbereitung der gemeinsam agierenden Verbände, ein pragmatischer Weg ab. Die Textiler hielten bei vielen NGO-Positionen mit Fach- und Sachargumenten dagegen und erhielten durch die entsendeten Analytik-Spezialisten der textilen Prüfinstitute und ihrer einschlägigen Expertisen viel Rückendeckung. Probleme hingegen bereiten Recyclingmaterialien, die ggf. entsprechende Grenzwerte nicht einhalten können. Sollten Recyclingmaterialen generell aus der Regulierung herausgenommen werden, so befürchten die NGO’s, hat die Regulierung ggf. ein nicht zu schließendes Schlupfloch. Ein klassischer Zielkonflikt, der ebenfalls einer genau definierten Regelung bedarf und bei dem sich die textilen Verbände weiter einbringen werden. Das ist wichtig, damit die von vielen gesellschaftlichen Kräften geforderte Ausweitung der „Circular Economy“ nicht ausgerechnet durch übertriebene NGO-Forderungen und ein zu eng geschnürtes Korsett dieser Restriktion sprichwörtlich abgewürgt wird.

Das Hauptproblem ist aber die Definition „fortwährend körpernah“. Nach der bisherigen Definition der EU-Kommission ist dies ein sehr weit gefasster Begriff, und so bezieht dieses Verfahren nicht nur Unterwäsche, Socken, Hemden und Blusen sowie Jacken etc. mit ein, sondern auch Bettwäsche, alle Arten von Sitzbezügen sowie Schutztextilien und medizinische Textilen im Verbraucherbereich. Mit dem derzeitigen Ansatz reguliert man ein kleines textiles Artikeluniversum und steuert daher in viele Graubereiche bzw. kommt ins Gehege mit anderen gesetzlichen Regulierungen. Eine genaue Unterteilung in die einzelnen Artikel-Klassen, wie z. B. beim in der Branche sehr gebräuchlichen und aus Erfahrung gewachsenen Ökotex-Standard, sieht die Regulierung bisher nicht vor. So sollen für Unterwäsche und Möbelsitzbezüge die gleichen Grenzwerte bezüglich CMR-Stoffe gelten. Das führt automatisch zu weiteren Zielkonflikten und Verwerfungen und wäre ein massiver Rückschritt. Dieses Problem haben die textilen Verbände im Vorfeld erkannt und ein entsprechendes Positionspapier bezüglich des Geltungsbereiches der Restriktion entwickelt und über EURATEX an die EU-Kommission übermittelt.

Um einen Lösungsweg aufzuzeigen getreu dem Motto „Keep it simple to make it work“, wurde im Workshop der EU-Kommission u. a. geraten, sich bei ihrer Definition „fortwährend körpernah“ an den bewährten Artikel-Klassen I und II im Ökotex-Standard zu orientieren, um im Kern die körpernahen Textilien klarer zu definieren und die Umsetzung der Restriktion für Textiler, Überwachungsbehörden etc. besser zu gestalten. Die EU-Kommission wird in den nächsten Wochen und Monaten über diese sich ergebenden Fragestellungen, Lösungswege etc. beraten und dann mit einem ersten Rohentwurf der Restriktion aller Teilnehmer aufwarten. Die EU-Kommission ist aber auch nach dem Workshop für neue Stellungnahmen seitens der Teilnehmer offen, und die textilen Verbände werden sich mit ihren anderen Verbandspartnern darüber abstimmen und erneut einbringen.

Wir sind und bleiben am Ball.