Sichere Energieversorgung ist ein Muss

Dr. Axel Nickel im Gespräch mit Südwesttext über die Chancen und Herausforderungen der Branche

Mit Dr. Axel Nickel steht seit dem 14. April ein Textilveredler an der Spitze der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie. Der 53–jährige Maschinenbauingenieur ist gebürtiger Hannoveraner und führt das Unternehmen Lindenfarb in Aalen mit 600 Beschäftigten in der Unternehmensgruppe.
Südwesttext sprach mit ihm über Themen, die die Branche bewegen, und über seine Ziele als Präsident.

Herr Dr. Nickel, in Ihrer Bewerbungsrede um das Präsidentenamt haben Sie drei Schwerpunkte Ihres künftigen Wirkens herausgestellt: vernünftige Energiepolitik, Sicherstellung der Ausbildungsqualität und Förderung des Forschungstransfers. Die Energiedebatte konzentriert sich derzeit vornehmlich auf die Versorgungssicherheit und die Kosten. Wo steht da die Textilindustrie?

Die Kosten für Energie stehen in der Textilindustrie besonders im Fokus. Nach den Personalkosten haben sie beispielsweise in der Textilveredlung den stärksten Einfluss auf die Ertragssituation. Eine vernünftige Preispolitik hat deshalb für unsere Branche eine existentielle Bedeutung. Bei der Versorgungssicherheit gehe ich davon aus, dass alle beteiligten Entscheidungsträger sich ihrer Verantwortung für ein hochindustrialisiertes Land wie Deutschland bewusst sind und dementsprechend handeln. Bei der heutigen engen Verzahnung der verschiedenen Industrien ist eine sichere Energieversorgung ein Muss. In der aktuellen Debatte vermisse ich allerdings häufig den Gedanken, der allen Überlegungen vorweg gestellt werden sollte: Wie kann man sinnvoll ohne Verlust an Produktionsleistung Energie einsparen? Dies ist im Sinne der Nachhaltigkeit sicher der beste Ansatz.

Wie können die Textilbetriebe denn noch effizienter werden?

Gerade bei uns im Verband gibt es noch viele kleinere und mittlere Betriebe, die schlank und ohne großen Wasserkopf geführt werden, oft sogar noch von den Eigentümerfamilien. In den letzten Jahrzehnten waren die Randbedingungen in unserem Marktumfeld so schwierig, dass häufig das Instrument "Verlagerung" als letzter Ausweg begriffen wurde. In meinen Augen ist dabei das Thema der effizienteren Fertigung oft nicht intensiv genug angegangen worden. Ein ganz wichtiger Punkt ist der Energieverbrauch: Hier könnte die Politik die Unternehmen in Zukunft sinnvoll unterstützen – mit Energieberatungs- und Förderprogrammen sowie mit gezielten Investitionshilfen oder Bürgschaften, damit größere Investitionen in die Energieinfrastruktur bewältigt werden können.

Nachhaltige Produktion ist in aller Munde, besonders in unserer Branche. Wie sollte die Textil- und Bekleidungsindustrie vorgehen, damit Nachhaltigkeit eine Chance ist und keine Belastung?

Eine nachhaltige Produktion umfasst sehr viele einzelne Facetten. Über den effizienten Umgang mit Energie haben wir ja schon gesprochen. Bei den Rohstoffen ist das Recycling an erster Stelle zu nennen. Dieses Thema ist aber für viele Unternehmen zu komplex, um eigenständig abgehandelt zu werden. Besonders wenn es sich um geschlossene Stoffkreisläufe oder kritische Endanwendungen handelt, sind viele Firmen überfordert. Hier kann unser Verband im Rahmen von Workshops oder Schulungen sicher gute Hilfestellungen leisten. Auch der sparsame Umgang mit Rohstoffen, also das Erreichen der gleichen Funktionalität mit geringerem Einsatz, kann oft nur mit externer Hilfe erschöpfend abgearbeitet werden. Auch hier kann der Verband, z.B. in Form der Unterstützung von Forschungsprojekten tätig werden. Ein sehr sinnvoller Schritt hierzu ist die aktive Teilnahme des Verbandes bei der Allianz Faserbasierter Werkstoffe Baden-Württemberg .

Auch wenn der Baumwoll-Boom eine Verschnaufpause eingelegt hat: Rohstoffe bleiben langfristig knapp und teuer. Was bedeutet das für uns im internationalen Wettbewerb?

Wir stöhnen zwar immer unter dem Druck steigender Rohstoff- und Energiepreise. Allerdings hatten wir in Deutschland schon immer mit diesem Problem zu kämpfen. Gerade weil wir seit jeher Antworten auf diese Herausforderung finden mussten, hat sich unsere Volkswirtschaft so robust entwickelt, wie wir sie jetzt nach der letzten Krise wahrnehmen. Auf einmal sind wir auch mit unserem traditionellen Festhalten am produzierenden Gewerbe wieder "in". Ich glaube daher, dass auch in Zukunft dieser "Reiz" uns eher stärker machen wird. Anderen Ländern, die im Wesentlichen von ihren natürlichen Ressourcen leben, fehlt dieser Stimulus, so dass sie im internationalen Vergleich eher schlechter abschneiden.

In Deutschland gibt es zahlreiche Textilforschungsinstitute. Mit dem Output aber sind Sie nicht ganz zufrieden?

Mit den Forschungsleistungen bin ich durchaus sehr zufrieden. Gerade im Bereich der technischen Textilien gibt es starke Aktivitäten, die sehr gute Ergebnisse hervorbringen. Und die Industrie unterstützt sie durch die verstärkte Vergabe von Direktaufträgen. Dies hat den positiven Nebeneffekt, dass die Forschung anwendungsorientierter arbeiten muss. Denn das ist es, was die Firmen in erster Linie interessiert. Und hier sind wir auch bei meinen Kritikpunkten: Oft wird geforscht und entwickelt, ohne dass eine konkrete Anwendung erkennbar ist und dann mit viel zu langen Umsetzungszeiten. Da ich früher selber in der Forschung tätig war, sind mir die Schwierigkeiten bekannt. Dennoch erlaube ich mir jetzt von Abnehmerseite die Forderung nach einer effizienteren Umsetzung der im hohen Maße vorhanden Forschungs- und Entwicklungskapazität.

Ein großes Zukunftsthema ist der demografische Wandel. Was sollte die Branche Ihrer Meinung nach tun, um sich auf die alternde Gesellschaft besser einzustellen?

Wichtig ist, dass wir den demografischen Wandel, der unumkehrbar kommt, nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance verstehen. Auch bei uns im Verband gibt es bereits Firmen, die ihre Produkte und die Märkte, die sie bearbeiten, gezielt in dieser Richtung auswählen. Sowohl für die Art als auch die Aufmachung von Bekleidung wird es Veränderungen geben, wenn z. B. ein vermehrter und kaufkräftiger Anteil der Bevölkerung keine Freeclimbing-Aktivitäten mehr ausüben kann, sondern sich lieber auf eine schöne Wanderung begibt. Bei Heimtextilien kann es zum Bespiel starke Veränderungen geben, weil sich ein größerer Teil des Lebens in den eigenen vier Wänden abspielt. Und bei technischen Textilien gibt es in jedem Bereich neue Ansatzpunkte, die neue Chancen und Absatzmöglichkeiten ergeben. Für die eigene Belegschaft hingegen müssen neue Formen der Arbeitsplatzgestaltung gefunden werden, um auch älteren Mitarbeitern angemessene Möglichkeiten zu bieten. Bei der Lindenfarb haben wir zurzeit eine Spannbreite im Lebensalter zwischen 15 und 70 Jahren.

Lindenfarb bildet regelmäßig zehn junge Nachwuchskräfte pro Jahr aus. Was tun Sie, um die Ausbildungsqualität zu sichern?

Bereits seit vielen Jahren führen wir einen Schülerwettbewerb durch. Dies hilft uns, im Konkurrenzumfeld von weltmarktführenden Unternehmen frühzeitig von den Absolventen wahrgenommen zu werden. Außerdem beteiligen wir uns aktiv an Partnerschaften mit Schulen in unserer Region und bieten Praktika an. Auf diese Weise bekommen wir Kontakt zu jungen Menschen, die ein gutes Potenzial mitbringen. Viele unserer Auszubildenden machen mit unserer Unterstützung im Anschluss eine weiterführende Ausbildung, beispielsweise ein Studium mit dem Bachelor-Abschluss. Dieses Jahr werden wir zum ersten Mal zwei Studenten aus Australien vom RMIT in Melbourne für ein Jahr bei uns aufnehmen, die anspruchsvolle Themen wie z.B. die Thermodynamik unserer Maschinen bearbeiten.

Was kann der Verband in diesem Bereich leisten?

Ganz wichtig für unsere Branche ist das überbetriebliche Aus- und Weiterbildungszentrum in Bad-Säckingen – die Gatex. Hier bietet unser Verband den Azubis eine hervorragende Ausbildung mit allen fachspezifischen Anforderungen entlang der textilen Prozesskette. Bei meinem letzten Besuch konnte ich mich von den eindrucksvollen Möglichkeiten vor Ort überzeugen. Außerdem finde ich es wichtig, dass die Verbände im Bereich der Ausbildung auch länderübergreifend – Deutschland, Österreich, Schweiz – zusammenarbeiten. Eine bedeutende Aufgabe der Verbände ist die Öffentlichkeitsarbeit. Mit ihrer Hilfe gilt es zu zeigen, dass die Textil- und Modeindustrie eine innovative und zukunftsweisende Branche ist, mit großen Chancen für den Nachwuchs. Unsere bundesweite Nachwuchskampagne „Go Textile!“ ist hier richtungsweisend und hat schon viel Aufklärungsarbeit geleistet. Das muss intensiv weiter betrieben werden.