Straßburger Sirenengesang

"Made in"– Kennzeichnung nur schwer zu stoppen

Daniel Caspary muss nicht erst überzeugt werden: Der Koordinator der EVP-Fraktion für internationalen Handel im Europäischen Parlament nennt selbst die Gründe, weshalb die verpflichtende Kennzeichnung von Textilien auf Basis zollrechtlicher Ursprungsregeln ("Made in") verhindert werden muss. Sie biete dem Verbraucher keine sachliche Orientierung.

"Es gibt gute Gründe, den Verordnungsvorschlag der EU-Kommission zu stoppen", sagt der 34-Jährige EU-Abgeordnete im Gespräch mit Südwesttextil-Präsident Armin Knauer und Hauptgeschäftsführer Dr. Markus H. Ostrop am 8. Februar in Straßburg. Doch das Problem: Insbesondere auf massives Betreiben von italienischen Abgeordneten sieht Caspary kaum Chancen, die Parlamentarier noch einzufangen.

Zu betörend klingen dem Parlament offenbar die Sirenengesänge eines vermeintlich stärkeren Verbraucherschutzes. Der Kunde solle wissen können, woher die Ware komme. Dann könne er sich bewusst für Produkte aus Europa entscheiden, so die Argumente der Befürworter. Dass sich allein am ausgewiesenen Ursprungsland schwerlich die ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen ablesen lassen, wird dabei geflissentlich übersehen. Technologie- und Normentransfer, der sich positiv auf Umwelt- und Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern auswirkt, wird ausgeblendet. Stattdessen wird positives Engagement auch deutscher Textilunternehmen in Drittländern bestraft.

Und schließlich: bestimmte Länder wie die Türkei sollen ganz von der Kennzeichnungsverpflichtung ausgenommen werden. "Ein solch diskriminierendes Vorgehen kann nicht im Verbraucherinteresse und im Interesse unserer Textil- und Bekleidungsindustrie sein", meinte denn auch Präsident Armin Knauer.

Südwesttextil setzt deshalb gemeinsam mit dem Gesamtverband textil+mode sowie den anderen textilen Fachverbänden auf die Beibehaltung der bisher geltenden freiwilligen "Made in-Kennzeichnung". Jedem Hersteller steht es frei, mit seinem "Made in-Land" zu werben.

Hierin möchte Daniel Caspary die Industrie gerne unterstützen und gibt im Gespräch Hinweise, wie die politischen Bestrebungen am sinnvollsten in die richtige Bahn gelenkt werden könnten. Dabei ruhen die Hoffnungen vor allem auf der Standfestigkeit der Bundesregierung, die gewillt ist, die Richtlinie im Rat zu verhindern.

Daniel Caspary wird derweil von seinem Parteifreund, dem Vizepräsidenten des EU-Parlaments, Rainer Wieland, unterstützt. Auch er nahm sich Zeit, um am Gespräch mit Armin Knauer und Markus H. Ostrop in der Abgeordnetenbar des Parlaments teilzunehmen. Wieland hat sich in jüngster Zeit in einer Reihe von Begegnungen mit Textilern aus Baden-Württemberg offen und interessiert für die Belange der Industrie gezeigt und wirbt für eine verstärkte Kommunikation zwischen Unternehmern und Politik.

Zuvor kam es bereits zu einem Treffen mit dem EU-Abgeordneten Dr. Andreas Schwab in Offenburg. Der Sprecher der EVP-Fraktion im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz besuchte auf Einladung von Armin Knauer die Spinnerei Offenburg und informierte sich ausführlich über die Belange der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie.
Neben dem "Made in-Thema" und der Biozid-Richtlinie ging es besonders um die praktischen Auswirkungen der EU-Wasserrahmen-Richtlinie auf ein zur Spinnerei Offenburg gehörendes Kraftwerk. Diesem drohen durch den mit EU-Mitteln geförderten Bau der Wasserkraftanlage Offenburg oberhalb der eigenen Turbine erhebliche Wassereinbußen. Schwab bot dem Unternehmen an, für eine Vermittlung zur Verfügung zu stehen, falls es in den laufenden Vergleichsverhandlungen mit dem E-Werk Mittelbaden nicht zu einer befriedigenden Lösung komme.