Studienbesuch in Lyon

Im Februar haben Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Präsident der Region Rhône-Alpes, Jean-Jack Queryanne, eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, in der sich die beiden Länder für eine Förderung der Mobilität von Auszubildenden einsetzen.

Im November besuchte eine Delegation des Wirtschaftsministeriums die Region um Lyon, die sich zusammensetzte aus Vertretern der unterschiedlichen überbetrieblichen Ausbildungsstätten der Industrie sowie des Handwerks. Mit dabei war auch die Gatex - Gemeinschaftsausbildungsstätte Textil in Bad Säckingen. Besucht wurden unterschiedliche Centre de Formation d'Apprentis (CFA) - das Pendant zu den Berufsschulen in Deutschland - um mögliche gemeinsame Mobilitätsprogramme zu entwickeln.

In der Berufsbildung haben die Regionen auch inhaltlich seit 1983 ein Mitspracherecht, und hier hat sich die Region Rhône-Alpes besonders stark engagiert. Da die in Frankreich sonst übliche Vollzeit-Berufsschule (lycée professionnel) die berufliche Eingliederung nach der Ausbildung erschwert, unterhält die Region ein breit angelegtes Programm zur Förderung dualer Aus- und Weiterbildungsgänge für Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren. Hier alterniert die zwei- bis dreijährige Lehrlingsausbildung in einem Betrieb mit dem Schulunterricht, der in einem Centre de Formation d'Apprentis (CFA) stattfindet. Das erinnert an das in Deutschland vorherrschende duale System. Die duale Ausbildung kann ebenfalls bis zu einem Bachelorabschluss führen. Dabei sind auf dem Weg der dualen Berufsausbildung folgende aufeinander aufbauende Qualifikationen erreichbar: die Berufsbefähigung (certifi cat d'aptitude professionnelle), die berufliche Hochschulreife (baccalauréat professionnel), das Höhere Technikerdiplom (Brevet de technicien supérieur) und dann der Bachelorabschluss.

Bei allen vier besichtigten CFA's ist die sehr gute Ausstattung der Werkstätten aufgefallen. Deutlich wurde auch, dass Frankreich und die Regionen sehr viel Mittel in die duale Aus- und Weiterbildung investieren. Die meisten Berufsschulen werden ausgebaut und erweitert. Auffallend war auch die stärkere Modularisierung der Ausbildungsberufe. Dies zeigte sich beim Besuch der überbetrieblichen Ausbildungsstätte der Möbelindustrie in Frankreich. Dort konnte ein ausgebildeter Klavierbauer bei den Azubis zum Möbelschreiner das Modul Oberflächenveredlung belegen und sich darin eine Zusatzqualifikation erwerben.

Die finanziellen Mittel für die berufliche Bildung werden in Frankreich durch zwei Abgaben erzielt. Alle Unternehmen in Frankreich, gleichgültig welchen Geschäftsgegenstand sie ausüben, sind der Ausbildungsabgabe unterworfen. Der Abgabensatz liegt bei 0,56 Prozent der gesamten Lohn- und Gehaltssumme. Diese Abgaben fließen zu etwa zwei Drittel in die Ausbildungszentren.

Darüber hinaus haben alle Unternehmen auch eine Fortbildungsabgabe (participation - formation continue) zu entrichten. Der Prozentsatz liegt bei 1,6 Prozent der Lohn- und Gehaltssumme. Dies entspricht etwa dem System des Tarifvertrags zur Aus- und Weiterbildung in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie.