Die Suche nach dem grünen Gas

Die CO2-Steuer und das neue Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) stellen Textilveredler vor die Existenzfrage.

Noch vor der Corona-Krise im Schweinsgalopp beschlossen, soll die CO2-Bepreisung ab dem Jahr 2021 vor allem im Verkehrs- und Gebäudesektor eine Lenkungswirkung entfalten. Die Devise in Berlin und Brüssel heißt nun mehr denn je: weg von den fossilen Energieträgern hin zu CO2-neutralen Energien. Doch derzeit ist vor allem in Deutschland nicht absehbar, ob das Land jemals die CO2-neutral produzierte Energie in diesen enormen Mengen zur Verfügung haben wird, die es benötigt. Zudem wurde in der Gesetzgebung übersehen, dass mittelständische Betriebe, die viel Primärenergie für Prozesswärme zur Herstellung ihrer Produkte brauchen, aber nicht am europäischen ETS (Emission-Trade-System) teilnehmen können, durch diesen Beschluss an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds gedrängt werden.

Dabei wären deutsche Textilveredler schon heute für ein CO2-neutrales Wasserstoff-Zeitalter gerüstet, denn deren grundlegende technische Infrastruktur passt dafür ideal! Wir bräuchten dazu ca. 15-mal so viel grünen bzw. CO2-frei produzierten Strom für das nun beschlossene Wasserstoffzeitalter, als wir heute insgesamt (grün + konventionell) produzieren bzw. importieren.

„Power to Gas“ heißen die drei Zauberworte.

Seit langem können Chemiker mit Strom Wasserstoff produzieren. Mit diesem Wasserstoff kann man u. a. mit Kohlendioxid aus der Luft Methangas erzeugt werden, das über die bestehende Gasleitungsinfrastruktur bundesweit an die privaten Verbraucher sowie an die Industrie geliefert werden kann. Wird der dazu benötigte Strom CO2-neutral bzw. grün produziert, kann über diesen Weg auch grünes Methangas produziert werden, das sich sowohl stofflich für die Herstellung chemischer Grundstoffe wie auch energetisch für die Erzeugung von Prozesswärme nutzen lässt. Das Prinzip des grünen Gases ist kreislaufbasierend und damit CO2-neutral!

Mit grünem Gas lässt sich auch CO2-neutraler, grüner Strom aus der Photovoltaik hervorragend speichern bzw. transportieren und ineffiziente Batterietechnologien und Milliarden Euro teure neue Stromübertragungsleitungen wären überflüssig. Fortwährende Bürgerproteste und alles blockierende Genehmigungsverfahren gegen Gasleitungen gäbe es dann auch nicht, denn diese sind ja bereits gebaut.

Textiler können schon heute die bestehende Infrastruktur wie KWK-Gasmotoren zur Erzeugung von Prozesswärme und Strom, gasbetriebene Trockner und modernste gasbetriebene Abluftreinigungsanlagen mit grünem Gas nutzen. Kraftwärmekoppelung mit kleinen und mittleren Gasmotoren zur Erzeugung von benötigtem Strom vor Ort und der Nutzung der Abwärme als Prozessenergie funktioniert bei Textilern hervorragend. So könnte bei der Ausnutzung des Gas-Brennstoffes ein Wirkungsgrad von über 90 % erreicht werden.

Soweit zur Idealwelt. Derzeit wird das grüne Gas, das auch für alle anderen energieverbrauchenden Sektoren und für eine CO2-neutrale Industrie funktionieren würde, allenfalls in kleinen Pilotanlagen produziert.

Grünes Gas gibt es daher aktuell weder zu einem wettbewerbsfähigen Preis und erst recht nicht in der erforderlichen Menge. Derzeit kostet die Erzeugung von Prozessenergie in Europa basierend auf fossilen Energieträgern etwa 2 Cent pro Kilowattstunde. „Power to Gas“ kostet derzeit etwa 18 Cent pro Kilowattstunde erzeugte Prozessenergie, wäre also 9-mal so teuer. Global gesehen wäre grünes Gas derzeit absolut nicht wettbewerbsfähig. Aber dieser Punkt ist nachgelagert, denn die Sache hat schon vorher einen zentralen Haken, bzw. nun kommen wir zu dem neuralgischen Punkt der deutschen Energiewende und der angestrebten CO2-Neutralität des ganzen Landes.

Ohne genügend wettbewerbsfähigen, CO2-neutral erzeugten Strom bleibt alles in Sachen Zielerreichung Energiewende bzw. CO2-Neutralität nur ein Märchen. Die deutsche Politik nimmt aber in ihren Entscheidungen auch für E-Mobilität & Co. an, dass es diese enormen Strommengen gibt bzw. schon alsbald geben wird.

So steuert die deutsche Politik mit der neuen CO2-Steuer von der ursprünglichen Zielerreichung nationaler Atomausstieg nun über den beschlossenen nationalen Kohleausstieg im Stromerzeugungssektor in den Bereich der ganzen auf fossilen Energieträgern basierenden Primärenergie mit Ziel CO2-Neutralität. Die Frage ist jedoch: Wohin führt der Weg wirklich? Hier mischen sich zeitungleich gesetzte, sehr unterschiedliche Ziele zum absoluten deutschen „Energiepolitik-Kuddelmuddel“.

Vergleichbar sind die neuesten energiepolitischen Zielsetzungen, als wenn man völlig untrainiert, aber ambitioniert den 1.493 Meter hohen Feldberg im Schwarzwald halb erklommen hat und sich dann schon auf halben Weg völlig erschöpft und bei größter Selbstüberschätzung entschließt, in der nächsten Woche auch noch den Mount-Everest ganz ohne Sauerstoffgerät zu besteigen. Im Klartext, allein die stoffliche und energetische Umstellung der deutschen Chemieindustrie auf CO2-Neutralität würde mehr grünen und konventionell erzeugten Strom benötigen, als wir derzeit in ganz Deutschland verbrauchen. Die Berechnungen liegen schwarz auf weiß beim VCI (Verband der Chemischen Industrie) in Frankfurt vor.

Die bisherige Energiewende betraf maßgeblich die Stromerzeugung, die nur etwa 16 % des Primärenergieverbrauches in Deutschland ausmacht. Allein diese bisher über eine Billion Euro kostenden, sehr planwirtschaftlich geprägten Umstellungsbemühungen hat Deutschland, vor allem aufgrund der hohen EEG-Abgaben, die höchsten Strompreise aktuell in Europa und weltweit beschert. Hunderte von Milliarden Euro, die in unseren Breitengraden in ineffiziente Solaranlagen investiert wurden, machen Energie für alle unwirtschaftlich teuer.

Jetzt geht es bei der CO2-Neutralität mit integriertem Kohleausstieg, CO2-Bepreisung & Co. zusätzlich um nicht weniger als über schlappe 80 % des ganzen deutschen Primärenergieverbrauchs, den es oben drauf auch noch gilt, mit grüner, CO2-neutraler Stromerzeugung abzudecken. Wir haben uns damit die Latte, wenn wir auch noch die Umstellung der Chemieindustrie und die gewollte E-Mobilitätswende meistern müssen, gleich um mehr als das Zehnfache hochgelegt.

Zu haben ist das dazu notwendige grüne Stromerzeugungs-System mit etwa 1.500.000 Windrädern (derzeit in Deutschland 30.000), sprich mit etwa fünf Windrädern pro Quadratkilometer oder zehntausend Quadratkilometer Solarzellen aber nicht in Deutschland, sondern z.B. in der Sahara, wo Solarzellen nun einmal viel effizienter Strom liefern als in unseren Breitengraden. Die Ausgaben hierfür liegen sicherlich bei über 10 Billionen Euro, die in Bildung/Schulen, Gesundheitsinfrastruktur u.v.m. fehlen würden, aber das ist eher hypothetisch, denn schon heute liegt in diesen Bereichen aus Geldmangel vieles im Argen!

Ist alles in Sachen CO2-Neutralität daher utopisch?

Das von einer jungen sozialdemokratischen Ministerpräsidentin regierte und vom Klimawandel stark betroffene EU-Mitglied Finnland findet darauf eine Brückentechnologie-Antwort, die in Deutschland gesellschaftlich nicht konsensfähig ist. Finnland kann mit dem massiven Ausbau der Atomenergie realistisch sein Ziel einer weitgehenden CO2-Reduktion bzw. einer CO2-neutralen Wirtschaft erreichen, bis dann hoffentlich in 2050 Alternativtechnologien wie Kernfusion, sichere Kernreaktoren der 4. Generation oder grünes Gas bzw. grüne flüssige Treibstoffe auf LHC- (Liquid Hydrogen Carrier) Technologie aufgebaut sind. Eine Energieinfrastruktur baut man halt nicht nebenher um, sondern es dauert Jahrzehnte und man braucht einen pragmatischen Plan. Deutschland braucht wohl nochmal ein Jahrzehnt bis man merkt, dass man eigentlich planlos ist, dann sind alle Ressourcen aufgebraucht.

Hierzulande steckt man trotz bereits getätigter Billionen schwerer Ausgaben weiter im hausgemachten energiepolitischen Dilemma bzw. betreibt weiter die „Energiewende ins Nichts“, frei nach einem Vortrag von Prof. Dr. Sinn, den ehemaligen Chef des ifo-Institutes in München.

Deutsche Solarindustrie weg, Windkraftausbau gegen Null reguliert, erste Stromnetz-Blackouts von der DENA (Deutsche Energieagentur) für 2022 vorhergesagt. Die Fakten sind eindeutig. Stefan Aust, der einstige Chefredakteur des Spiegels, titulierte seinen kürzlich erschienenen Artikel in Sachen Energiewende: „Es regiert das Panikorchester“.

Führen heißt, den Weg wissen! Ein deutscher Neuanfang in Sachen Energie wäre, die allenthalben blühende Ideologie wieder mit Naturwissenschaft und ökologischer und ökonomischer Ratio zu ersetzen. Wissen und Bildung sind der Schlüssel zum Erfolg. Eine Wahrheit ist, dass Deutschland unter Erhaltung seines aktuellen Wohlstandes in Zukunft auf sehr große Energieimporte von grüner, CO2-neutraler Energie angewiesen ist.

Ändert sich nichts, so fängt die nächste energiepolitische Milchmädchenrechnung der deutschen Politik an, Realität zu werden: das Brennstoffemissionshandels-Gesetz, das nicht schlimmer für die Textilveredler und viele Mittelständler in anderen Industrien in Deutschland sein könnte. Deutschland bricht sich damit weiter sein industrielles Rückgrat, denn im Mittelstand sind nicht weniger als 9,5 Millionen Arbeitsplätze beheimatet. Entgegen dem durch die CO2-Steuer belasteten Otto-Normalbürger, werden diese mittelständischen Unternehmen nicht nur ansatzweise von der CO2-Steuer-Mehrbelastung an anderer Stelle vom Staat entlastet.

Ab 2021 belasten Summen zwischen 500.000 bis 2.000.000 Euro zusätzlich die dann oft rot werdenden Bilanzen von mittelständischen Textilveredlungsunternehmen, die im brutalen globalen Wettbewerb mit Nationen stehen, die in der Realwelt mit subventionierten Energiepreisen/Fracking & Co. ihre Industrie aufbauen bzw. auf Kosten der Umwelt subventionieren. Eine CO2-Thematik spielt dabei kaum eine Rolle, was angesichts der weltweiten Klimaerwärmung fatal ist.

Genau in diese Länder werden dann auch noch weiter die bislang energieeffizienten deutschen Produktionen und hier gut bezahlten Arbeitsplätze verlagert.

Eine Handlungsempfehlung für die Politik und Gesetzgebung in Sachen CO2-Steuer:

Um Planungssicherheit, Ökonomie und Ökologie in Einklang mit dem technisch Machbaren und mit der Existenz der Unternehmen und der dortigen Arbeitsplätze zu bringen, muss die Politik kurzfristig die CO2-Bepreisung auf Erdgas für diese Unternehmen zurücknehmen. Erdgas ist derzeit die einzige realpolitisch mögliche deutsche Brückentechnologie zur CO2-Reduktion, solange die grünen Technologien diese Versorgung in der benötigten Menge zu ökonomisch vertretbaren Preisen nicht übernehmen können.

Zudem lässt sich Gas mit Kraftwärmekopplung am effizientesten energetisch nutzen. Clever in ein Stromversorgungssystem eingebunden, sind die so geretteten Unternehmen auch ein wichtiger Beitrag zur Grundlastabsicherung, um die bald vollends wackelnde Netzstabilität in Deutschland, insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg, wieder zu stabilisieren. Zunehmende Netzeingriffe zur Netzstabilisierung kosten in Deutschland mittlerweile über 1,7 Mrd. Euro jährlich. Geld, das sich besser in Sachen CO2-Reduktion in unserer Nation anlegen lässt.

Dazu gilt es weiter, umgehend die in den letzten Jahren eingeführte EEG-Belastung der Stromeigenerzeugung für die Unternehmen bei neuen Kraftwärmekupplungsanlagen wieder auf null herunterzufahren, damit wieder Planungssicherheit in die Unternehmen und auch in Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg Einzug hält.

Fangen wir an, endlich wieder eine realistische Energiepolitik mit Innovationen zu betreiben, um unsere ambitionierten CO2-Ziele überhaupt jemals erreichen zu können.