Südkorea setzt auf High-Tech und Qualität

Technologischer Anspruch und wachsende Kaufkraft bestimmen das Marktgeschehen

Die koreanische Textil- und Bekleidungsindustrie gilt als ein ausschlaggebender Faktor für das rasante Wirtschaftswachstum des Tigerstaats seit den 70er Jahren, das vor allem auf hohen Exportzahlen fußte. Bis heute ist Südkorea ein bedeutender Textilproduzent. Allerdings hat sich die Produktionspalette im Vergleich zu früher wesentlich verändert. Während asiatische Nachbarn wie China oder Vietnam sich als Niedriglohnstandorte hervortun, konzentriert sich die koreanische Textilindustrie inzwischen auf hohe Qualität, Spezialitäten und High-Tech. Zum einen hat der rasche ökonomischen Fortschritts des Landes für ein Lohnniveau gesorgt, das arbeitsintensive Produktion unrentabler werden ließ. Zum anderen bekam Korea den Wegfall der Textil- und Bekleidungsquoten ab 2005 zu spüren, die bis dahin die Exporte starker Wettbewerber in gemeinsame Zielmärkte gebremst hatten. Die Billigkonkurrenz hat zu Produktionsverlagerungen in großem Stil geführt, vor allem nach China.

Die Industrie setzt heute auf Erzeugnisse mit hoher Wertschöpfung - und wird dabei von der Regierung tatkräftig unterstützt. Das textile Zentrum Daegu steht im Mittelpunkt des Umstrukturierungsprozesses, der auch „Milano-Projekt“ genannt wird.

Das Projekt hat kein geringeres Ziel, als das Gebiet um Daegu-Kyungbuk zum Weltzentrum der Textil- und Modeindustrie des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Zwischen 2004 und 2008 hat das koreanische Ministry of Knowledge Economy (MKE) 62,6 Mio. Euro zur Verwirklichung des groß angelegten Umstrukturierungsprozesses beigesteuert, unter anderem zur Entwicklung neuer Materialien, für Färbetechnologien und für den eigenständigen Bau von Textilmaschinen. Heute fördert das Programm textile Innovationen im Bereich Karbonfasern, umweltfreundliche Textilien und Nanotextilien unter anderem für die Medizintechnik sowie „smart textiles“, z. B. mit integrierten IT-Funktionen. Seit 2010 können Unternehmen von besseren Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen in Forschung und Entwicklung profitieren. Die Stadt Daegu hat gemeinsam mit dem MKE, dem Korea Textile Development Institute und dem Korea Dyeing Technolgy Center ein 92 Mio. Euro schweres Förderprogramm zur Industrialisierung so genannter Supermaterialkonvergenzprodukte aufgelegt. Dabei sollen moderne Textilien auf Basis von Aramid- und Karbonfasern sowie ultrahochmolekularem Polyethylen (UHMWPE) entwickelt werden. Die Einsatzgebiete reichen von der Automobilindustrie über Filter zur Wasserbehandlung bis zum digitalen Öko-Färben.

Zwar wurde die Branche auch von der weltweiten Wirtschaftskrise getroffen. Doch schon im September 2009 war die Talsohle durchschritten. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert Südkorea ein Wirtschaftswachstum von 5,75 Prozent in diesem Jahr. Dank des Konjunkturprogramms der Regierung und der Normalisierung des Welthandels habe die südkoreanische Wirtschaft seit Anfang 2009 eine "eindrucksvolle Erholung" gezeigt, hieß es im jüngsten Prüfbericht der Organisation über die viertgrößte Volkswirtschaft Asiens. Der Export soll um 10 Prozent zunehmen, vor allem durch die steigende Nachfrage aus China und Südostasien. Im Textilbereich wird sogar ein Ausfuhrplus von bis zu 17 Prozent vorausgesagt. Die wichtigsten textilen Exportgüter Südkoreas sind Gewirke und Gestricke sowie Chemiefasern und -filamente. Bei beiden Positionen war das Land 2009 der weltweit zweitgrößte Exporteur nach China.

Gleichzeitig entwickelt sich der koreanische Modemarkt vielversprechend. Im vergangenen Jahr wurden in Korea Textil- und Bekleidungsprodukte im Wert von 24,2 Mrd. US-Dollar abgesetzt. Nach einem verhältnismäßig kurzen Einbruch durch die Krise wächst seit Sommer 2009 das Verbrauchervertrauen wieder.

Interessanterweise ist das Luxussegment in Südkorea, das mit 1,7 Mrd. US-Dollar taxiert wird, im Gegensatz zu vielen Märkten weltweit nie eingebrochen – 2009 lief es sogar so gut wie nie. Daneben boomt der Markt für Sportswear, Accessoires und Wellness-Artikel.
Im vergangenen Jahr hat Deutschland Textilien und Bekleidung im Wert von 70 Mio. Euro nach Südkorea geliefert. Das entspricht in etwa den Exportwerten nach Mexiko oder Südafrika, mit denen Freihandelsabkommen bestehen, oder der Hälfte der deutschen Branchenausfuhren nach Japan. Südkorea lieferte im Gegenzug Textilwaren im Wert von 104 Mio. Euro nach Deutschland. Bekleidung machte davon nur 6 Prozent aus. Fast 40 Prozent der importierten Textilien entfielen auf Polyesterfasern und -filamente.

Das im Oktober 2009 unterzeichnete Freihandelsabkommen (FTA) zwischen der EU und Südkorea könnte den textilen Außenhandel beflügeln. Insgesamt kaufen die Koreaner marken- und qualitätsbewusst. Die guten Wachstumsaussichten des Landes für die kommenden Jahre dürften sich in den verfügbaren Einkommen niederschlagen, die in den ersten beiden Quartalen des Jahres um über 4 Prozent gestiegen sind. Allerdings stockt der Ratifizierungsprozess des Freihandelspakts seit Monaten. Neben Bedenken der europäischen Automobilindustrie wird vor allem über die ausgehandelten Bestimmungen zur Zollrückvergütung diskutiert. Importierte Vormaterialien, die in der EU oder Südkorea zu Ursprungswaren verarbeitet und dann an den Freihandelspartner geliefert werden, brauchen nicht verzollt zu werden. Diese Praxis ist in anderen FTAs der EU verboten. Daneben wird über die Ursprungsregeln gestritten. Insbesondere bei gewebter Bekleidung des Kapitels 62 sind Lockerungen vorgesehen. Bei bedruckter, beschichteter und bestickter Ware soll im Rahmen des EU-Südkorea-Abkommens mit Wertregeln gearbeitet werden können. Solange die Ursprungsregeln anderer Abkommen nicht reformiert sind, ist das für die europäische Konfektion ein eher theoretischer Vorteil, da sie ihre Ursprungskalkulation nicht am koreanischen Absatzmarkt ausrichten kann. Mit einer Verzerrung im großen Stil ist dennoch nicht zu rechnen: Ohne FTA hat Deutschland in 2009 mehr als doppelt so viel Bekleidung nach Südkorea verkauft als von dort importiert.