Tarifabschluss an der Belastungsgrenze

Laufzeit und 'Stellschrauben' machen Kompromiss tragbar

Vor dem Hintergrund der anziehenden Konjunktur und einer durch politische Einmischung geschürten Erwartungshaltung bei den Beschäftigten haben sich die Tarifparteien der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie in der Nacht zum 22. Februar auf einen Tarifkompromiss verständigt. Danach erhalten die Beschäftigten nach zwei Nullmonaten über fünf Monate hinweg jeweils eine Einmalzahlung von 50 Euro. Ab Oktober 2011 werden die Entgelte um 3,6 Prozent erhöht.

"Der Kompromiss ist sicher an der Belastungsgrenze", sagte Stephan Schulz, der Sozialpolitische Sprecher von Südwesttextil nach der Verhandlung. Denn viele Betriebe hätten sich von den Auswirkungen der Krise noch nicht erholt. Außerdem drückten die hohen Rohstoff- und Energiepreise derart, dass weitere Kostenbelastungen Gift für die Beschäftigungssicherung seien.

Dass die Tarifkommission dem Vertrag dennoch zustimmte, liegt an den vereinbarten Möglichkeiten, die Belastungen aus dem Abschluss abzumildern. Mit diesen so genannten 'Stellschrauben' können etwa die Einmalzahlungen gekürzt, ausgesetzt oder bis zum 30. September 2011 verschoben werden.

Auch die Entgelterhöhung von 3,6 Prozent ist aus wirtschaftlichen Gründen auf Basis einer freiwilligen Betriebsvereinbarung um bis zu 1,5 Prozent bis einschließlich 30. April 2012 teilweise oder vollständig absenkbar. Bedingung für alle Stellschrauben ist, dass den betroffenen Arbeitnehmern für diesen Zeitraum eine Beschäftigungszusage erteilt wird.

"Und nicht gering zu schätzen ist die lange Laufzeit von 20 Monaten, die den Unternehmen Planungssicherheit gibt", meint Stephan Schulz, der auch Mitglied der kleinen Verhandlungskommission war.

Die durchschnittliche Belastung aus dem Tarifabschluss liegt im laufenden Jahr bei 2,4 Prozent. Für die gesamte Laufzeit wurde eine Belastung von 2,94 Prozent errechnet. Wenn ein Unternehmen alle Optionen zur Verschiebung beziehungsweise zur Absenkung in Anspruch nimmt, beträgt die Belastung sogar nur 1,82 Prozent.

Positiv überrascht zeigten sich viele Arbeitgebervertreter davon, dass die IG Metall in diesem Jahr erstmals auf das sonst übliche Säbelrasseln verzichtete. So war sie bereit, in der laufenden Friedenspflicht schon bei dem zweiten Aufeinandertreffen mit den Arbeitgebern ohne das Ritual der Warnstreiks am Verhandlungstisch ein Ergebnis auszuarbeiten. Das macht Hoffnung für künftige Tarifrunden.