Tarifpolitische Dampfplauderer

Lohnforderungen der Bundesregierung erschweren Textiltarifrunde

Kurz nach seiner Wahl zum VDMA-Präsidenten Mitte Oktober ist Dr. Thomas Lindner den Forderungen nach kräftigen Lohnsteigerungen aus der Politik entgegengetreten. Der Chef des Albstädter Textilmaschinenbauers Groz-Beckert verwies darauf, dass die finanziellen Belastungen der Krise noch nicht verdaut seien. Dazu gehöre der enorme Aufwand der Unternehmen für die Kurzarbeit, der auch den Arbeitnehmern zugute gekommen sei.

Damit widersprach Lindner Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, der „kräftige Lohnerhöhungen“ nach dem Vorbild der Stahlindustrie (plus 3,6 Prozent) empfohlen hatte. Auch die Kanzlerin äußerte sich entsprechend, worauf sich Außenminister Westerwelle in gleichem Sinne vernehmen ließ.

Der Textilindustrie, der ebenso wie dem öffentlichen Dienst Anfang des nächsten Jahres eine schwierige Tarifrunde bevorsteht, leistet die Politik damit einen Bärendienst. Denn trotz einiger positiver Anzeichen ist die Branche noch weit davon entfernt, einen tarifpolitischen Verteilungsspielraum zu erwirtschaften. Von Januar bis August betrug das Umsatzplus der Branche in Baden-Württemberg zwar 2,8 Prozent. Im Vergleich zum Krisenjahr 2008 liegt das Minus aber immer noch bei 28 Prozent. Deshalb sind schon zweistellige Umsatzzuwächse erforderlich, um die Einbußen der letzten beiden Jahre wieder wettzumachen.

Hinzu kommen die massiven Preiserhöhungen für Energie und Rohstoffe. Chemiefasern etwa verteuerten sich in den letzten Monaten um 11 Prozent. Die Einfuhrpreise für Baumwollgarne stiegen im August um 23,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Die Weitergabe der Preiserhöhungen ist fast nicht möglich“, sagen viele Unternehmer aus dem Südwesten resigniert. Weder die Bekleidungshersteller, denen der Handel die fixen Eckpreislagen vorhält, noch die Produzenten von Textilien für technische Anwendungen finden bei ihren Abnehmern Gehör. So verweist die Automobilindustrie zum Beispiel auf bestehende Verträge, und schiebt damit jeder Diskussion um Preisanpassungen den Riegel vor.

„Wir produzieren nicht für den Weltmarkt, sondern konkurrieren mit Importware aus Asien“, bringt der Chef eines Herstellers von Berufsbekleidung den Unterschied zu boomenden Branchen wie Stahl oder Automobil auf den Punkt. Deshalb mag er die allgemeine Aufschwungseuphorie nicht teilen.

Auch Hagen Lesch, der Tarifexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sieht derzeit nur einen begrenzten lohnpolitischen Verteilungsspielraum. „Wir haben in den beiden Krisenjahren 2008 und 2009 Lohnerhöhungen gehabt, obwohl die Produktion stagnierte oder gesunken ist.“ Eigentlich, so Lesch, hätten die Löhne in der Krise sinken müssen. „Das ist nicht passiert und das war auch vernünftig so. Aber nun dürfen die Lohnforderungen auch nicht überschießen“, so Lesch.