Ein textiles Wahrzeichen

Das Texoversum umfasst fast 3 000 Quadratmeter Fläche für Werkstätten, Labore, eine neue Heimat für die international renommierte Textilsammlung, Think-Tank-Flächen und Unterrichtsräume. Nach der von Südwesttextil verantworteten und finanzierten Errichtung des Gebäudes soll es ans Land Baden-Württemberg und damit an die Hochschule übergeben werden. Südwesttextil möchte an dem über 160 Jahre alten Textilstandort Reutlingen eine moderne Plattform schaffen für alle, die an Textil Interesse haben, in diesem Bereich arbeiten, lehren oder forschen – in allen Alters- und Qualifikationsstufen und auch über Branchengrenzen hinweg.

Texoversum Entwurf CAD
Foto: © Allmann Sattler Wappner Architekten, Menges Scheffler Architekten; Jan Knippers Ingenieure

Der Wunsch von Verbandspräsident Bodo Th. Bölzle ist es, dass Reutlingen mit diesem neuartigen Open Space Konzept an die Zeiten anknüpft, als es noch „Oxford der Textilindustrie“ hieß. Auch Trendscouts und Entwickler aus anderen Technologiebranchen, wie Automotive, Luft- und Raumfahrt, Informatik oder Medizintechnik sollen dort eine Anlaufstelle finden. „Das Texoversum ist eine innovationsfördernde Umgebung und bringt Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Ideen zusammen. Hier werden in Teams Synergien und zukunftsweisende Ideen geschaffen, die sich auch in der Industrie fortsetzen werden“, so Professor Dr. Hendrik Brumme, Präsident der Hochschule Reutlingen. Auch der Dekan der Fakultät Textil & Design, Reutlingen, Professor Dr. Jochen Strähle, freut sich auf das neue Wahrzeichen seiner traditionsreichen Ausbildungsstätte: „Das wird inspirierend für alle Beteiligten. Das Texoversum bündelt die erstklassige textile Ausbildung und Forschung über die gesamte Wertschöpfungskette. Hier gestalten wir die Welt von morgen.“ Textil werde als Querschnittstechnologie immer wichtiger in den Bereichen Mobilität, Nachhaltigkeit, beim Bauen oder als Träger von Sensorik in der Medizin, das bestätigt auch Bodo Th. Bölzle und fasst zusammen: „Das Texoversum wird der Ort sein, an dem junge Talente und alte Hasen gemeinsam neue Ideen entwickeln.“

Ich wünsche mir das Texoversum als eine hybride Zukunftswerkstatt, in der textiler Nachwuchs ausgebildet wird, neue Produkte und auch neue Unternehmen entstehen und Wirtschaft noch gezielter mit Wissenschaft zusammenkommt.

Bodo Th. Bölzle, Präsident von Südwesttextil

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer misst dem Neubau überregionale Bedeutung bei: „Das Texoversum bringt nicht nur einen signifikanten Mehrwert in Forschung und Lehre für die Hochschule Reutlingen und die dortige Fakultät für Textil und Design. Der mit dem Neubau geschaffene ‚ThinkTank‘ wird als zentraler Pfeiler im Netzwerk von Hochschulen und Textilwirtschaft Signalwirkung für das ganze Land entfalten.“

Grundlage für die bauliche Weiterentwicklung des landeseigenen Hochschulgeländes ist ein städtebaulicher Masterplan, den das Stuttgarter Architekturbüro Harris und Kurrle im Auftrag des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg im Vorfeld erstellt hatte. „Das Texoversum wird einen prominenten Bauplatz im südwestlichen Campusareal besetzen und mit seiner expressiven Fassade auf den gesamten Campus ausstrahlen“ freut sich Andreas Hölting, der Leiter des Tübinger Amtes von Vermögen und Bau.

Die FibR GmbH ist für die Produktion der 1 800 Quadratmeter Fassade zuständig. Dazu arbeitet das Start-up eng mit den Architekten und Ingenieuren zusammen. Vor drei Jahren gründete Moritz Dörstelmann das Start-up gemeinsam mit den Betriebswirten und Textilspezialisten Philipp Essers, Ondrej Kyjanek und Philipp Gülke. Sie beschäftigen am Produktionsort ist Kernen bei Waiblingen mittlerweile acht Mitarbeiter. Der Architekt hatte zuvor an der Schnittstelle von Technik und Gestaltung an der Universität Stuttgart geforscht, wie mit neuen Bautechnologien Potenziale für Design und Konstruktion erschlossen werden können. Als Vorbild für die textilen Baustrukturen dienen in der Natur vorkommende Faserkonstruktionen, biologische Leichtbaustrukturen, die stets auf der Idee basieren, Fasern lastgerecht anzuordnen und individuell auf die Anforderungen anzupassen.

Für die Umsetzung solcher ressourceneffizienten Leichtbaustrukturen wurde eine robotische Fertigungstechnologie entwickelt, die es ermöglicht, durch einen digitalen Entwurfsprozess Lasten genau zu kalkulieren und Bauteile individuell herzustellen. Das Potenzial für die Anwendung ist groß, denn Architektur und Bauwesen stehen vor der Herausforderung, unter Berücksichtigung der Klimaziele nachhaltig, ressourcenschonend und energieeffizient für eine wachsende Weltbevölkerung zu bauen.

Das Geschäftsmodell der FibR GmbH geht daher über die Verwendung eines neuen Baustoffs weit hinaus und präsentiert eine Bautechnologie, die von Anfang an die Perspektive des Architekten miteinbezieht – eine gleichzeitige Entwicklung von Funktion und Design. Der integrale Ansatz des Unternehmens löst die strikte Trennung zwischen Planung und Ausführung auf, denn von Beginn an wird die technologische Komponente in den Bauentwurf und die Gestaltung des Gebäudes integriert. Das Unternehmen selbst kann von der Gestaltung, Konzeptentwicklung über den Prototypenbau und Zertifizierung der Bauweise bis hin zur Produktion und Montage der Teile das komplette Spektrum des textilen Bauens anbieten. Die ganzheitliche Aufstellung des Teams ermöglicht es ihnen, ihre Kompetenzen an jeder Schnittstelle bei Bedarf einzubringen.

Das Projekt ist für das Unternehmen ein wichtiger Meilenstein, denn so beweist FibR, dass die Technik reif für die Anwendung und Skalierung ist. Das Texoversum ist die erste permanente Fassadenanwendung und die robotisch gewickelten Strukturen umfassen das Gebäude nicht nur mit einem schönen Kleid, sie bieten auch einen UV-Schutz, sind witterungs- und korrosionsbeständig und haben einen Flammschutz. Moritz Dörstelmann betont, wie exzellent die Fassade die Vorteile der Technologie hervorhebt. So zeigen die Variation der Faserdichte und Öffnungsgrößen die Flexibilität der Roboterprogrammierung und, wie durch individuelle Einstellungen Teile des Gebäudes beispielsweise stärker vor Sonnenlicht geschützt werden können. Die Mischung aus Carbon- und Glasfasern, die beim Texoversum zum Einsatz kommt, ermöglicht eine schlanke und filigrane Struktur, die die technischen Anforderungen erfüllt, ohne an Leichtigkeit einzubüßen. „Wir können jedes Bauteil individuell ausgestalten“, sagt Dörstelmann: „Beim additiven Bauen lassen sich viele Funktionen gleich integrieren, etwa Kühl- und Heizsysteme.“

Die FibR GmbH hat als erstes Leuchtturmprojekt den Faserpavillon auf der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn realisiert und bereits viele renommierte Auszeichnungen erhalten. Doch die Innovation wird am Markt trotzdem noch unterschätzt. Während Bauherren und Architekten oftmals nur durch Architekturmagazine blättern und auf bewährte Technologien setzen, wagt das Texoversum den Schritt hinaus und gibt dem jungen Unternehmen eine Plattform für die Umsetzung der Zukunftstechnologie.