Textil- und Bekleidungsindustrie legt kräftig zu

Kritik am Preisdruck der Autobauer – Mode wird wohl teurer

Die Textil- und Bekleidungsunternehmen in Baden-Württemberg befinden sich in einem anhaltenden Aufwärtstrend. "Wir sind mit unserer Geschäftslage gegenwärtig zufrieden", konstatierte Armin Knauer, der Präsident des Branchenverbandes Südwesttextil am Dienstag gegenüber der Presse in Stuttgart. Nach Auswertung der jüngsten Verbandsumfrage hätten zwei Drittel der Unternehmen ihre Kapazitätsauslastung mit gut angegeben. Auch über die Erlösentwicklung zeigten sich nahezu 90 Prozent der Betriebe erfreut. Die Branche erzielte im ersten Halbjahr ein Umsatzplus von 6,74 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Dabei schnitten die Hersteller von Textilien für Raumausstattung und technische Anwendungen mit knapp 10 Prozent besser ab als die Bekleidungskonfektionäre, deren Umsätze um drei Prozent zulegten.

"So froh wir über die positive Entwicklung sind, so unsicher sind wir zugleich über ihre Nachhaltigkeit", sagte Knauer. Denn Sorgen bereiten den Textilern nicht nur die massiv gestiegenen Rohstoffpreise für Baumwolle und Chemiefasern, sondern auch die hohen Energiekosten.

Probleme sehen die Textilunternehmen besonders in der Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern, für die sie Sitzbezüge, Innenverkleidungen, Airbags oder Sicherheitsgurte produzieren. "Der Preisdruck auf die Lieferanten ist nochmals stärker geworden", kritisiert Knauer das Verhalten der großen Autoproduzenten. "Dafür habe ich kein Verständnis, denn die Situation auf den Automärkten hat sich deutlich verbessert." Deshalb fürchtet Südwesttextil, dass kleinere textile Zulieferer den Kostendruck kaum noch kompensieren können und früher oder später aufgeben müssen. Der Verbandspräsident appellierte an die deutschen Autounternehmen, den Zusammenhalt in der Lieferkette nicht mutwillig aufs Spiel zu setzen.

Für die heimische Bekleidungsindustrie hängt die weitere Geschäftsentwicklung wesentlich vom Auslandsgeschäft ab. Denn während der Inlandsmarkt auch im Krisenjahr relativ stabil blieb, ist der Export von Bekleidung massiv eingebrochen. Besonders der russische Markt, auf dem die deutschen Modehersteller in den letzten Jahren die höchsten Zuwachsraten erzielten, brach um fast 29 Prozent ein. "Wir sehen eine langsame Erholung, sind aber noch längst nicht wieder auf dem Vorkrisenniveau", stellt der Nagolder Herrenausstatter und Südwesttextil-Vizepräsident Hans Digel fest. Auf das Jahr gerechnet erwarten die Bekleidungsunternehmen einen Umsatzzuwachs von fünf Prozent.
Dabei dürften die Modehersteller versuchen, ihre höheren Beschaffungs- und Frachtkosten an den Handel und damit an den Verbraucher weiterzugeben.

Nicht zuletzt wegen der anhaltenden Schwäche des Modehandels und der ungewissen Zukunft von Warenhäusern wie Karstadt empfiehlt der Verbandsvize den Bekleidungsherstellern, ihre eigenen Stärken noch intensiver auszubauen. Um sich dem Konsolidierungsdruck in der Branche zu entziehen, hält es Digel für notwendig, die Kundenwünsche besser zu befriedigen und dem Kunden Lager- und Marketingservice sowie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu bieten.

''Weitere Wirtschaftsdaten in Kurzform:
Die baden-württembergische Textil- und Bekleidungsindustrie erzielte im Jahr 2009 einen Umsatz von 4,36 Mrd. Euro. Davon entfielen 2,06 Mrd. Euro auf die Bekleidungsindustrie mit einem schwachen Umsatzminus zum Vorjahr von 2,37 Prozent. Die Textilindustrie blieb mit ihren erwirtschafteten 2,3 Mrd. Euro mit minus 27 Prozent deutlich hinter den im Vorjahr erzielten Umsätzen zurück. In Baden-Württemberg gibt es knapp 200 Textil- und Bekleidungsunternehmen, die 22.500 Arbeitnehmer beschäftigen.''