Textilforschung beteiligt sich an Lehrerbildung

Rektor Druwe kritisiert "gymnasiallastiges" Bildungssystem

Anlässlich der erstmaligen Verleihung der Otto-Mecheels-Medaille widmete sich der Rektor der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Prof. Dr. Ulrich Druwe, in einer Rede dem pädagogischen Vermächtnis von Prof. Dr.-Ing. Otto Mecheels. Dabei unterstrich er die Notwendigkeit, sich intensiver um die Bildung der drei- bis zwölfjährigen Kinder zu kümmern.

Otto Mecheels sei nach seinem Ruf an das Staatliche Technikum für Textilindustrie in Reutlingen immer als akademischer Lehrer tätig gewesen. Dank seiner enormen fachlichen und didaktischen Kompetenz habe er seinen Studierenden die komplexe Materie klar, strukturiert und auf das Wesentliche reduziert vermitteln und die selbständige Reflexion anregen können. Dabei habe er den Hohenstein Instituten einen Bildungsauftrag zugeordnet, der jeden Menschen in den Mittelpunkt stellte und ganzheitlich betrachtete. "Mecheels war Lehrer aus Leidenschaft", betonte Druwe und zog den Vergleich zum heutigen Leitbild eines Lehrers. Dieses sei ebenfalls durch fachliche Kompetenz, Vermittlungskompetenz, Wertevermittlung und die Sicht auf den "Beruf als Berufung" geprägt.

Angesichts der zentralen Bedeutung von Bildung und Wissenschaft für die Gesellschaft sei es gerade heute eine Kernfrage des Bildungssystems, wie man an solch gute Lehrer komme. In den meisten OECD-Staaten stehe daher die Qualität der Lehrerbildung im Mittelpunkt des Interesses.
Der Pädagoge ging in seinen Überlegungen von der Erkenntnis aus, dass die Interessensausprägung bei Kindern mit Eintritt in die Pubertät abgeschlossen sei. "Dieses Faktum kann gar nicht genug betont werden, denn hier, und nicht in den weiterführenden Schulen werden die Grundlagen für alle späteren Entwicklungen gelegt."

Deshalb schlussfolgerte Prof. Druwe, dass man sich vor allem auf die Qualität von Erziehern und Lehrkräften für Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren, also im Kindergarten und in der Grundschule, konzentrieren müsse. Dagegen sei unser Bildungssystem gegenwärtig wesentlich zu "gymnasiallastig", sowohl als Kostenfaktor als auch in der Wertschätzung den Lehrkräften gegenüber. Immer noch dominierten "Mythen der Primarbildung", etwa die Vorstellung, die Bildung kleiner Kinder sei im Vergleich zur Bildung älterer Kinder ein leichtes Unterfangen, weil über das entsprechende Wissen jeder Erwachsene mit Abitur verfüge, bemängelte der Hochschulrektor.

Ein zweites Ergebnis zahlreicher Studien belege für Deutschland die Dominanz der fachwissenschaftlichen Ausbildung, insbesondere im gymnasialen Lehramt, und die Vernachlässigung der didaktischen Kompetenz, der Schulpraxis und der Lehrerpersönlichkeit. "Fragen Sie einmal angehende Gymnasiallehrer, was sie seien, so werden sie die Antwort bekommen: Theologe, Historiker, Physiker – aber nicht: Lehrer", illustrierte Druwe das Selbstverständnis vieler Lehrkräfte.
Die mangelnde didaktische Kompetenz erkenne man daran, dass "Mathe und Physik bei Gymnasiasten die beiden bestgehassten Fächer" seien. Und das liege nicht etwa daran, dass die Lehrer fachlich schlecht seien, sondern an ihrer fehlenden Vermittlungskompetenz. Deshalb könnten die Kinder auch nicht zu forschendem Lernen angeregt werden, mit der Konsequenz fehlender Studierender in Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Der Hochschulrektor leitete hieraus konkrete Maßnahmen für die Lehrerbildung ab. So sei genug Geld im Bildungssystem vorhanden, es müsse allerdings etwas zugunsten der Kinder zwischen drei und zwölf Jahren umverteilt werden. Zudem könne die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen als Erfolgmodell gelten, weil sie fachwissenschaftliche, fachdidaktische und schulpraktische Ausbildung verbinde. Druwe bot an, bei der Stärkung der Vermittlungskompetenz und der Lehrerpersönlichkeit des Gymnasiallehrers durch eine systematische Kooperation zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen mitzuwirken. Bildungssysteme müssten differenziert und durchlässig sein, wenn sie individuell fördern wollen, dass gelte für Schule wie für Hochschule.

Zudem müssten Hochschulen, die gute Lehrer ausbilden wollten, Verbindungen nicht nur zur Schulpraxis, sondern insbesondere auch zur Wirtschaft aufbauen. Deshalb sei auch die umfassende Kooperation zwischen der PH Freiburg und den Hohenstein Instituten so wichtig. Prof. Stefan Mecheels und seine forschenden, prüfenden und beratenden Mitarbeiter beteiligten sich an der Ausbildung angehender Lehrer, in dem sie an der PH lehrten, ihre Labore für Studierende öffneten und nicht zuletzt durch hervorragende Monographien Wissen bewahren helfen würden.