Textilkonjunktur kühlt sich ab

Ausbildungszahlen im Südwesten gestiegen

Stuttgart, 22. Juli 2007 - Die Wirtschaftskraft der südwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie wird sich im nächsten Halbjahr deutlich verringern und voraussichtlich ins Minus drehen. Diese Prognose hat der Verband Südwesttextil am Dienstag in Stuttgart veröffentlicht. Gründe hierfür sind das sowohl außen- als auch binnenwirtschaftlich stark eingetrübte Klima, die drastische Verteuerung der Energie und die schwache Inlandsnachfrage. "Nach einem konjunkturell befriedigenden Vorjahr und einem guten Jahresbeginn sehen wir jetzt ein Wachstumstief aufziehen", sagte Verbandspräsident Carl F. Moll vor Journalisten. Er verwies darauf, dass der Auftragseingang und die Auslastung der Betriebe seit sechs Monaten rückläufig sind. "Von der Endphase des allgemeinen Konjunkturaufschwungs hatten wir uns eigentlich einen ordentlichen Konsum erhofft", sagte Moll und nannte als Beleg die positiven Zahlen des Arbeitsmarktes. Die gestiegenen Energiepreise und Lebenshaltungskosten hätten alle Hoffnungen auf einen Konsumaufschwung zunichte gemacht.
Gegen den Trend haben sich hingegen die Ausbildungszahlen in den rund 240 Textil- und Bekleidungsbetrieben im Land entwickelt. Während bundesweit die Zahl der Ausbildungsverträge um 3,4 Prozent zurückgegangen sind, konnten im Südwesten sogar zwei Prozent mehr Auszubildende eingestellt werden, so Carl F. Moll. Als Gründe dafür nannte er die besonderen Ausbildungsanstrengungen des Verbandes und die Initiativen der Betriebe selbst. So unterstützt Südwesttextil die Mitgliedsunternehmen seit vier Jahren mit monatlich 300 Euro für jeden zusätzlich geschaffenen Ausbildungsplatz und flankiert die Maßnahme mit einer eigenen Nachwuchswerbekampagne.
Außerdem nehmen immer mehr Betriebe die demografische Entwicklung zum Anlass, sich selbst um den eigenen Fachkräftenachwuchs zu bemühen. Der Textilveredler Lindenfarb in Aalen macht mit einem jährlich ausgerichteten Wettbewerb in den Schulen des Ostalbkreises ausbildungsinteressierte Schüler auf sein Unternehmen aufmerksam. "Aus den teilnehmenden Klassen haben wir schon einige unserer jährlich 30 Auszubildenden gewinnen können", sagte Dr. Axel Nickel, Sprecher der Geschäftsführung. Außerdem veranstaltet sein Unternehmen Textilseminare für Lehrer und beteiligt sich an Ausbildungsmessen. Am Standort Aalen beschäftigt Lindenfarb über 400 Arbeitnehmer in der Veredlung von Maschenwaren für die Automobilindustrie, andere technische Textilien und Heimtexware.
Originell geht auch die Lörracher Textilveredlung an der Wiese auf die Suche nach jungen Fachkräften. Auf der Stellenanzeige posieren die Auszubildenden des Betriebs wie eine fröhlich ausgelassene Popgruppe und sprechen die künftigen Kollegen in ihrer eigenen Sprache sehr direkt an. Axel Köppe, geschäftsführender Gesellschafter des 160 Mitarbeiter zählenden Unternehmens, das unter anderem wertvolle Damaststoffe, Hemdeneinlagen sowie Tisch- und Bettwäsche veredelt, kann deshalb nicht über mangelndes Ausbildungsinteresse klagen. "Wir sind in der angenehmen Lage, unter den besten Bewerbern auswählen zu können", meint der Textilunternehmer, der überzeugt davon ist, ohne gut ausgebildete Nachwuchskräfte seinen Betrieb nicht in die Zukunft führen zu können.

Weitere Wirtschaftsdaten in Kurzform: Die baden-württembergische Textil- und Bekleidungsindustrie erzielte im Jahr 2007 einen Umsatz von 5,2 Mrd. Euro. Davon entfielen 2,7 Mrd. Euro auf die Bekleidungsindustrie, die ein Plus von 1,7 Prozent erzielen konnte. Die Textilindustrie blieb mit ihren erwirtschafteten knapp 2,5 Mrd. Euro mit 2,3 Prozent leicht hinter den im Vorjahr erzielten Umsätzen zurück. Die größte Produktgruppe bilden die technischen Textilien, die einen Anteil von 45 Prozent am Branchenumsatz ausmachen. Bekleidungs- sowie Heim- und Haustextilien teilen sich den Rest zu gleichen Anteilen. In Baden-Württemberg gibt es rund 240 Textil- und Bekleidungsunternehmen, die 28.400 Arbeitnehmer beschäftigen.