Biobasierte Kunststoffe – eine nachhaltige Chance

Interview mit René Bethmann – VAUDE Innovations Manager – zum Thema der biobasierten Kunststoffe und ihre Möglichkeiten in der Sport-Artikel-Branche

René Bethmann, VAUDE Innovations Manager
Foto: René Bethmann, VAUDE Innovations Manager
© VAUDE

Wie würden Sie die verschiedenen Arten von biobasierten Materialien definieren, die es heute gibt?

Ein biobasiertes Material besteht teilweise oder vollständig aus nachwachsenden natürlichen Rohstoffen.

Biobasierte Materialien werden aus nachwachsenden Rohstoffen wie Biomasse gewonnen. Der Begriff biobasiert gilt in der Regel für synthetische Polymere, kann aber auch für natürliche Materialien wie Leder, Baumwolle und für verstärkte Kunststoffe mit natürlichen Füllstoffen verwendet werden. Biobasierte Kunststoffe basieren auf verschiedenen Inhaltsstoffen, die ganz oder teilweise aus nachwachsenden Rohstoffen stammen.

Bei VAUDE konzentrieren wir uns auf biobasierte synthetische Stoffe, um bestehende konventionelle fossile Ausgangsstoffe zu ersetzen. Dazu streben wir biobasierte Material-Zusammensetzungen von über 50 Prozent an, doch muss dieses Ziel mit der wirtschaftlichen Realisierbarkeit und der technologischen Verfügbarkeit im Einklang sein.

Dennoch sind Naturfasern auch Teil unserer nachhaltigen Materialstrategie und werden je nach Anwendbarkeit an Produkten betrachtet.

An welchen Entwicklungen arbeiten Sie derzeit?

Nach mehreren Jahren in der Entwicklung sind wir stolz darauf, auf der kommenden Outdoor by ISPO-Messe Textilprodukte mit neu implementierten biobasierten Polyamidgarnen auf den Markt zu bringen. Diese Innovation kombiniert erstmalig einen hohen Grad an Nachhaltigkeit mit höherer Performance. Traditionelles Denken, dass ein nachhaltiges Produkt eine geringere Leistung liefert, könnte obsolet werden. Neben Textilprodukten versuchen wir, mehr biobasierte Materialien in unsere nichttextilen Teile zu implementieren.

Darüber hinaus sind wir Projektpartner des Horizon 2020 EFFECTIVE Projects, bei dem wir gemeinsam mit einem multinationalen Konsortium entlang der gesamten Wertschöpfungskette das weltweit erste biobasierte Polyamid 6 entwickeln. Mit diesem Projekt haben wir die Möglichkeit, unsere Produkte aus natürlichen Ressourcen zu schaffen, ohne auf performante Eigenschaften zu verzichten. Dank des bestehenden Recycling-Stroms, der im Projekt vorhanden ist, kann das Polyamid 6 am Ende seiner Lebensdauer in neuwertige Qualität recycelt werden. Dieses Leuchtturmprojekt wird neue Ansätze für die Industrie aufzeigen und eine „Circular Bioeconomy“ ermöglichen. Es ist immer noch ein bisschen erstaunlich, sich vorzustellen, dass wir aus natürlichen Ressourcen, die eine klare Recyclingperspektive haben, konventionelle Hochleistungs-Synthetikstoffe herstellen können. Wir haben noch einige weitere Entwicklungen im biobasierten Sektor auf dem Weg, und wir hoffen, sie bald vorstellen zu können.

Könnten Sie die wichtigsten Vor- und Nachteile biobasierter Materialien nennen?

Biobasierte Materialien haben das Potenzial, unseren Weg aus der fossilen Wirtschaft zu führen. Dazu benötigt der Kreislauf erneuerbarer Kohlenstoffe viel weniger Zeit als der petrochemische Kohlenstoffkreislauf. Auch die CO2-Absorption, während der Wachstumsphase der Pflanze, kann auf die Lebenszyklusbewertung eine durchaus positive Auswirkung auf die Umwelt haben und zudem eine Low Carbon-Society Gesellschaft unterstützen. Aber nicht nur die nachhaltigen Aspekte sind interessant: Neuartige biobasierte Stoffe ermöglichen uns erweiterte Funktionalität unserer Produkte

Erneuerbare Rohstoffe sind nicht per se nachhaltig und sollten daher immer ganzheitlich in einer LCA analysiert werden. Darüber hinaus sorgt der Begriff "biobasiert" für Verwirrung in der Öffentlichkeit. Es vermittelt das Bild, dass der Rohstoff unter biologisch-organischen Anforderungen kultiviert wurde, wie sie in der Lebensmittelindustrie bekannt sind. Das ist nicht immer der Fall, denn die biobasierte Industrie ist gerade erst am Anfang.

Wie weit sind wir bei der industriellen Umsetzbarkeit von bestimmten biobasierten Materialien?

Es kommt darauf an. Bei einigen Gebrauchsgegenständen aus biobasiertem Polyethylen ist ein starker Anstieg des Einsatzes zu beobachten, auch einige chemisch neuartige biobasierte Materialien, die in Verpackungen verwendet werden und neue Funktionalitäten bieten, bekommen Fahrt.

Oft denken die Menschen, dass biobasierte Materialien mit recycelten Materialien konkurrieren. Fakt ist jedoch, dass biobasierte Materialien der Anfangspunkt im Material-Lebenszyklus. Das Recycling bezieht sich vielmehr auf die nächste Lebensphase eines Materials.

Recycling ist eine wesentliche Phase eines Materiallebenszyklus, aber Materialien müssen auch einen Anfangspunkt haben. Dabei bieten biobasierte Rohstoffe eine interessante Lösung im Vergleich zu fossilen Ressourcen. Biobasierte Materialien ergänzen schwer zu recycelnde Materialien.

Ein niedriger Erdölpreis unterstützt leider keine Aktivitäten in der Bio-Ökonomie. Wir haben einen deutlichen Anstieg der bioökonomischen Entwicklung in Zeiten gesehen, in denen der Ölpreis auf einem Höchststand war.

Können Sie über die Entwicklung sprechen, die die biobasierten Materialien in den letzten Jahren erlebt haben?

Wir sehen viele neue Technologien, die entwickelt werden, welche dank synthetischer Biologie neuartige Rohstofftypen bewerten können. Investitionen werden in den Rohstoffmarkt getätigt, insbesondere im Verpackungssektor, aber auch im Automobilsektor für ihre LCA-Leistungen.

Auf dem Sportmarkt ist die Nachfrage extrem hoch, vor allem aufgrund der Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigeren und innovativeren Produkten. In der Branche wird viel daran gearbeitet, diese biobasierten Materialien zum Endkunden zu bringen.

Wie stellen Sie sich die Zukunft dieser Materialien vor?

Da die staatliche Regulierung in naher Zukunft erfolgen wird, werden biobasierte Materialien eine erhöhte Nachfrage erhalten. Mehrere wichtige Akteure großer Industrien haben sich nachhaltige Material Goals gesetzt, und wir erwarten, dass sich solche Maßnahmen auf verschiedene Branchen ausweiten werden. Darüber hinaus ist die CO2-Neutralität ein wichtiger Punkt des kürzlich vorgestellten Europäischen Green Deals. Die Etablierung einer Bioökonomie ist eine Chance auf eine resiliente Beschaffung von Rohstoffen, die nicht von der Einfuhr fossiler Erzeuger abhängt, sondern vielmehr die regionale Rohstoffversorgung und die lokale Wirtschaft ankurbelt und damit neue Arbeitsplätze schafft.

Die jüngsten Ereignisse haben uns gezeigt, dass mehr regionale materielle Wertschöpfungsketten zu einer widerstandsfähigeren Wirtschaft beitragen können. Es gibt keine Kreislaufwirtschaft ohne Bioökonomie.

Bei VAUDE sehen wir eine klare Marktnachfrage und die Endverbraucher werden immer sensibler, woher ihre Produkte kommen und wie sie hergestellt werden. Es ist wichtig, dass die Kunden die richtigen Entscheidungen treffen, basierend auf dem, was sie schätzen. Deshalb ist es entscheidend, Klarheit und Transparenz über die Bedingungen und Ansprüche in der Kommunikation zu haben. Bildung muss von Seite des Produktmarketings und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Textilindustrie spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewerbung für die Möglichkeiten biobasierte Materialien zu nutzen. Insbesondere die Outdoor-Sportindustrie spielt dabei eine führende Rolle, da die Kunden in Bezug auf Umweltproblematiken und Nachhaltigkeit ein vorausschauendes Denken fordern.

Biobasierte Kunststoffe haben die Chance, die Entwicklung von Kunststoffen nachhaltig voranzutreiben.“