Nachhaltigkeit made in Germany

Südwesttextil im Gespräch mit der Unternehmerin Dr. Antje von Dewitz vom Neumitglied VAUDE Sport GmbH & Co. KG.

Im hügeligen Hinterland des Bodensees, im kleinen Ort Obereisenbach, befindet sich der Firmensitz des nachhaltig innovativen Outdoor-Ausrüsters VAUDE. Es ist Mittagspause: In der bio-zertifizierten Kantine essen Eltern gemeinsam mit ihren Kindern zu Mittag und an der großen Kletterwand im grünen Innenhof sichern sich die Mitarbeiter gegenseitig. In einer Planungs- und Umbauphase von insgesamt drei Jahren ist aus dem organisch gewachsenen Unternehmen ein familienfreundlicher, grüner Campus entstanden. Für die Innengestaltung wurden bewusst umweltfreundliche und helle Materialien verwendet, die die großen offenen Büros behaglich machen. Alle Besprechungszimmer tragen Bergnamen und so treffen wir Dr. Antje von Dewitz im Besprechungszimmer „Hohe Kugel“.

Seit 2009 führt die 45-Jährige das Familienunternehmen in der zweiten Generation und ist damit sehr erfolgreich. Im Jahr 2015 freute sich ihr Team über den Siegertitel als „Deutschlands nachhaltigste Marke“ und im letzten Jahr wurde von Dewitz als jüngste Unternehmerin in die „Hall of Fame“ des Handelsblatts aufgenommen, um nur einige der vielen Auszeichnungen zu nennen. Gegründet wurde der Bergsportausstatter 1974 von ihrem Vater Albrecht von Dewitz, auf dessen Initialen und Spitzname auch der Firmenname beruht. Neben der kompletten Ausstattung für den Bergsteiger, Wanderer und Radfahrer hat besonders die Rubrik Taschen und Reisegepäck der Outdoormarke in den 2000er große Bekanntheit über die Branche hinaus beschert. Seit 2009 schlägt VAUDE mit Antje von Dewitz einen konsequent nachhaltigen Weg ein, der diese Werte nicht nur in einzelnen Kollektionen, sondern in allen Unternehmensbereichen verankert. Den Weg dorthin beschreibt die Geschäftsführerin als steinig, denn die Veränderungen erforderten einen hohen Ressourceneinsatz trotz des bereits vorhandenen grünen Bluts. Mittlerweile hat sich das Thema Nachhaltigkeit für das Unternehmen vom bremsenden hin zum innovationstreibenden gemausert. Neben der internen strategischen Weiterentwicklung hat sich auch die Einstellung der Verbraucher zu diesem Thema positiv verändert.

Vaude Interview 2-2018
Vaude Interview 2-2018
Foto: © VAUDE
Foto: © VAUDE

Mit Zertifizierungen und Transparenz investieren die Tettnanger in das Vertrauen der Konsumenten und Stakeholder. VAUDE steckt sich dabei selbst sehr hohe Ziele mit dem eigenen Nachhaltigkeitslabel „Green Shape“, das durch Überarbeitungen immer weiterentwickelt als auch verschärft wird und mehrere Botschaften und Zertifizierungen enthält, um Orientierung im Label-Dschungel zu geben. Dazu gehört das Schweizer Bluesign Label, das zu Best Practice Technologien und einer möglichst schadstoffarmen Produktion verpflichtet. Das Unternehmen hat sich ebenfalls im Rahmen des Greenpeace Detox Commitments zu „Zero Discharge“ verpflichtet. Zu der aktuellsten Version des Green Shape Labels gehört auch ein Index, der die Reparierbarkeit eines Produktes indiziert. Bereits bei der Produktentwicklung wird darauf geachtet – ein Reparaturservice ist in der Manufaktur in Tettnang angeschlossen. Um den Produktkreislauf zu schließen, wagt sich der Outdoor Spezialist auch in neue Geschäftsmodelle vor: Auf Ebay bietet VAUDE eine Second-Hand-Plattform für private Verkäufer, um ihre gebrauchten Produkte anzubieten, auf der Online-Plattform „I fix it!“ werden Videos mit Reparaturtipps und das Bestellen von Ersatzteilen angeboten und mit dem Modell „I rent it!“ kann der Kunde sich spezielle Ausrüstungen auch einfach leihen. So wird gewährleistet, dass der ökologische Fußabdruck auch auf Kundenseite minimiert wird.

Insgesamt hat sich auf diesem Weg die Anzahl der Produktionsstätten von 65 auf 50 verringert, denn nicht alle Partner passten noch zu der nachhaltigen Ausrichtung und konnten alle Auflagen erfüllen. Um auch bei den Materiallieferanten in Asien die ökologischen und sozialen Standards zu erhöhen, hat VAUDE in den letzten vier Jahren eigene Empowerment-Programme und eigenes Know-how aufgebaut. In einem Projekt werden den Materiallieferanten Strukturen und Inhalte von Schadstoff- und Umweltmanagement sowie Sozialstandards vermittelt, ein anderes Projekt verbessert die Sozialstandards in Myanmar. In der Kommunikation mit den Lieferanten und Produzenten ist für von Dewitz besonders erfreulich, dass diese auf Augenhöhe stattfindet und darüber hinaus ein enges Netzwerk zwischen den Wettbewerbern entstanden ist. Trotz einiger europäischer Standorte und der eigenen Manufaktur in Obereisenbach ist eine komplette Produktion in Deutschland nicht möglich. Hauptgrund ist neben der fehlenden Wertschöpfungskette der Mangel an Fachkräften und das fehlende Interesse an handwerklichen Tätigkeiten.

Gerade deshalb, setzt sich das Familienunternehmen sehr für seine Mitarbeiter ein und engagiert sich besonders für Flüchtlinge, die in der Tettnanger Manufaktur angelernt werden. Die Integration der Menschen in den Arbeitsmarkt liegt Antje von Dewitz sehr am Herzen, doch von den aktuell elf Beschäftigten haben sieben bereits eine Ablehnung ihres Asylantrags erhalten. Mit juristischer Unterstützung und einem offenen Brief an Kanzlerin Merkel möchte sie erreichen, dass Flüchtlinge in Deutschland nach erfolgreicher Integration auch bleiben können.

Vaude Interview 3-2018
Vaude Interview 3-2018
Foto: © VAUDE
Foto: © VAUDE

Wirtschaften in Partnerschaft mit Mensch und Natur – das verdeutlicht nicht nur der Einsatz für Geflüchtete, sondern die generelle Haltung in Tettnang. Vereinbarkeit von Familie bzw. Freizeit und Beruf wird hier schon lange großgeschrieben und so gibt es seit 2001 ein eigenes Kinderhaus, in dem heute rund 30 Kinder täglich betreut werden. VAUDE wurde mit dem Audit „Beruf und Familie“ zertifiziert und stärkt mit verschiedenen Initiativen seine Mitarbeiter. Fast 50 Prozent arbeiten in Teilzeit und aktuell läuft die einjährige Pilotphase der Initiative mobiles Arbeiten. Statt neue Parkplätze in die Bauplanung zu integrieren, gibt es nun direkt auf dem Betriebsgelände sechzig Parkplätze weniger, außerdem sind die besten Plätze für Mitfahrgemeinschaften reserviert, statt für Führungskräfte. Mitarbeiter können sich auch E-Bikes leihen und den großen Fahrradkeller sowie die Mitarbeiterduschen nutzen. Dreimal täglich gibt es Sport- und Gesundheitsangebote und selbst Haustiere sind willkommen. Erfahrungen und Ideen können jederzeit über das interne, soziale Netzwerk ausgetauscht werden und so betont Antje von Dewitz die Relevanz der digitalen Medien für das Thema Nachhaltigkeit. Sie findet, dass sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig fördern. Transparenz und das Bewusstsein für Umweltkatastrophen und schlechte Produktionsbedingungen resultieren aus der Möglichkeit, sich immer und überall weltweit zu vernetzen.

Für die Zukunft wünscht sich die VAUDE-Chefin weiterhin ein gesundes Wachstum, vor allem im europäischen Ausland. Denn auch die Outdoorbranche befindet sich weiter in einem Konzentrationsprozess von Marken und Unternehmen. Die Tettnanger haben sich in diesem Markt mühsam die Position eines Vorreiters erkämpft und die Unternehmerin ist stolz darauf, dass sie erfolgreich fair und ökologisch wirtschaften. Ihr Wunsch ist, weiterhin Standards setzen zu können und damit über die Branche hinaus zu inspirieren. Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit werden nicht ausbleiben und so schaut Antje von Dewitz gemeinsam mit ihrem Team motiviert und zuversichtlich in die Zukunft.